Dem Alter auf der Spur – Natalie Yimin Chen recherchiert zwölf Tage in Arnsberg
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Dem Alter auf der Spur – Natalie Yimin Chen recherchiert zwölf Tage in Arnsberg

Irgendwann ist er da – der Tag, an dem wir alt werden! Und dann? Trübsal blasen? In Selbstmitleid baden? Was werden wir tun, was sein? Diese Fragen stellt sich auch die chinesische Journalistin Natalie Yimin Chen. Zwölf Tage tourte sie innerhalb ihrer Recherche in Deutschland durch Arnsberg, um ihr Bild, wie die Menschen hierzulande altern, zu vervollständigen.

Es ist dem “Grenzgänger”-Projekt und der damit verbundenen Förderung durch die Robert Bosch Stiftung zu verdanken, dass Yimin aus Hongkong rund 9000 Kilometer in den Westen reiste, um für ihr geplantes Buch „Active Aging in Germany – Celebrating Long Life“ zu recherchieren. Denn die Stiftung unterstützt den kulturellen Austausch und ermöglichte ihr so ein Stipendium für ihr Herzensprojekt.

Natalie Yimin Chen ist in Hongkong kein unbekannter Name – schreibt sie doch für die MING PAO WEEKLY und räumt einen renommierten Journalistenpreis nach dem anderen im asiatischen Raum ab. Bereits 2015 war sie als Medienbotschafterin in Deutschland, damals in Hamburg. “Die Einstellung der Deutschen dem Thema gegenüber ist pragmatisch und inspirierend”, erklärt Yimin. Die Veröffentlichung ihrer Artikel über die alternde Gesellschaft in Deutschland fand große Resonanz. Sie erkannte die hohe Nachfrage und das Bedürfnis in Hongkongs Gesellschaft, über die Möglichkeiten des aktiven Alterns zu diskutieren.
“Wie kann man in hohem Alter aktiv sein? Was ist nötig, um anmutig zu altern? Es gibt so viele unbeantwortete Fragen – deshalb habe ich beschlossen, dieses Jahr wieder nach Deutschland zu kommen. Ich wollte noch mehr entdecken!”

Es war die persönliche Begegnung mit einem sehr alten Mann, die in ihr das Interesse auslöste, sich genau diesem Thema zu widmen. Er hatte die Grenzen seiner körperlichen Kraft erreicht. “Der 93-jährige Mann hatte einen wunderschönen großen Garten mit vielen Obstbäumen. Ich besuchte ihn regelmäßig, denn er lebte allein. Ich half ihm da, wo er Hilfe benötigte. Eines Tages war etwas anders – heruntergefallene Papaya, Bananen und weiteres Fallobst lagen still auf dem Rasen. Der alte Mann erzählte mir, dass er bis letztes Jahr keine Probleme hatte, die Früchte selbst zu pflücken – er kletterte einfach auf die Bäume. Aber jetzt hatte er erkannt, dass er das nicht mehr schaffte. Er war zu schwach geworden. Er war gebrechlich geworden. Sogar der Versuch, sich nach dem Fallobst zu beugen, war zuviel geworden. Ihm fehlte schlichtweg die Energie”, erzählt Yimin.
Ihr wurde klar: Letztendlich wird unser Körper seine Kraft verlieren. Uns wurde gezeigt, wie wir erwachsen werden – aber nicht, wie wir alt werden! Wie sieht unser Leben aus, wenn wir wirklich alt sind? Wie werden wir dann leben? Und wie alt ist eigentlich alt?

In China leben rund 1,37 Milliarden Menschen – gerade deshalb kann sich das Land mit der höchsten Einwohnerzahl weltweit vor dem demografischen Wandel nicht verstecken. Die Lebenserwartung in China liegt aktuell bei rund 75 Jahren und verändert sich stetig. Bereits jetzt leben dort mehr als 200 Millionen Menschen mit einem Alter von 65+. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass bis zum Jahr 2050 -erstmals in der Geschichte- mehr Menschen im Alter von 60+ Jahren als Kinder unter 15 Jahren leben werden. Der demografische Wandel ist somit ein globaler Trend.
In Deutschland leben die Menschen durchschnittlich 30 Jahre länger als noch vor 100 Jahren. Yimin recherchierte, dass die Menschen ihrem eigenen Alter positiv entgegensehen und zuversichtlich sind, was ihre Zukunft angeht. Sie glaubt, dass die deutschen Erfahrungswerte ein hervorragendes Beispiel für das aktive Altern sind.

“Arnsberg hat sich international einen Namen gemacht – sie reagiert positiv auf die alternde Gesellschaft und ist bekannt als eine Stadt, in der ´niemand allein` ist. Ich glaube, dass Arnsbergs Erfahrungen ein hervorragendes Beispiel dafür sind, welche Verantwortungsrolle Kommunen in der Gestaltung einer Gesellschaft des langen Lebens wahrnehmen sollten”, begründet Yimin ihren Besuch in Arnsberg.

Von der Fachstelle Zukunft Alter zur Kneipp-Insel im Solepark Hüsten, von der ElHadri Seniorenbegleitung zum St. Johannes-Pflegezentrum, von der Freilichtbühne Herdringen zum Senioren-Kino Arnsberg – Yimin folgt in diesen zwölf Tagen einem straffen Zeitplan.
Heute begleitet sie ein Treffen zwischen Schüler/innen des Gymnasiums Laurentianum in Arnsberg und dem Seniorenhaus St. Anna der Caritas Arnsberg.

Interessante Gespräche über dies und das

Gespannt wie ein Flitzebogen warten die Schüler/innen des Laurentianums auf den Dialog der Generationen und Kulturen. Denn heute kommen die Bewohner des Seniorenhauses St. Anna zum ersten Mal in das Gymnasium. Bislang haben die Schüler/innen sie ausschließlich im Seniorenhaus besucht, um gemeinsam mit ihnen am Projekt “Hochbeet” zu arbeiten. Die Begegnungen von Jung und Alt sollen Verständnis zwischen den Generationen vermitteln, junge Menschen für das Alter sensibilisieren und eine Möglichkeit bieten, Horizonte zu erweitern. Das Besondere: Es sind Schüler der internationalen und inklusiven Klassen, die sich jeden Dienstag Zeit nehmen.

Es duftet nach frischem Kaffee und leckeren Waffeln. Mit viel Liebe haben die Jugendlichen die Tische vorbereitet, Kuchen gebacken und sich für den Empfang bereitgestellt. Ein Empfang nicht nur für die Gäste des Seniorenhauses, sondern auch für Yimin. Denn es ist schon etwas Besonderes, dass eine chinesische Journalistin die Schule besucht. Sie ist heute hier, um die Begegnung zu beobachten. Wie gehen Jung und Alt miteinander um? Worüber unterhalten sie sich? Was nehmen sie für ihr Leben mit?

Doch zunächst gibt es Musikalisches auf die Ohren. Die Schüler/innen haben ein paar Songs einstudiert, um sowohl den Senioren wie auch Yimin Chen eine Freude zu machen. Diese Stimmen gehen wirklich unter die Haut.

Geprägt von Gesprächen über “alte Zeiten”, über das Leben der Schüler/innen und der Senioren sowie natürlich das Hier und Jetzt vergeht die Zeit wie im Flug. Schon bald leeren sich die Kuchen und Kaffeekannen – zu schnell ist es Mittag.
Yimin hat ein weiteres Notizbuch vollgeschrieben und bedankt sich herzlich für die Einladung ins Laurentianum. Weiter geht´s!

Arnsberger Stadtmusikanten – Musik macht das Leben leichter

Die modern ausgestattete und barrierefreie Wohnung von Aline und Helmut lässt Yimin staunen – eine ebene Sitzdusche mit KNEIPP-Schlauch scheint ihr noch nicht vor die Augen gekommen zu sein. Aber deswegen ist sie auch gar nicht hier – sie möchte wissen, wie es sich für Senioren in einem City-Wohnhaus leben lässt. “Ich brauche es immer grün”, sagt Aline. “Deshalb bin ich froh, dass der Blick aus dem Fenster unseres Arbeitszimmers direkt ins Grüne führt!” Früher lebte sie in einem eigenen Haus in Hüsten. “Ich habe es mir dort richtig schön gemacht – immer etwas zu tun gehabt”, erzählt sie.
Heute lebt sie mit ihrem Lebenspartner Helmut inmitten der Neheimer Innenstadt in einem mehrstöckigen Wohnhaus. Ihr Haus in Hüsten kann die Wohnung sicher nicht ersetzen, aber der 10 Meter lange Balkon lässt auch an diesem Standort keine Wünsche offen.

In diesen vier Wänden treffen sich regelmäßig die drei ehemaligen Arnsberger Stadtmusikanten, um gemeinsam zu musizieren. Das lenkt von altersbedingten Handicaps ab und zieht die Gemüter zurück ins Leben. Kasper und Helmut kennen sich seit über 70 Jahren – sind Vettern. Ein Herz und eine Seele. Gemeinsam mit Ewald, dem Dritten im Bunde, musizieren sie Woche für Woche am Akkordeon.

Und genau das möchten die drei Arnsberger Stadtmusikanten heute unter Beweis stellen. Kurzerhand spielen sie der chinesischen Journalistin die verschiedensten Lieder vor und ziehen sie leicht in ihren Bann, bevor es an den extra für diesen Tag von Aline organisierten Mittagssnack geht.

“Alle unsere Senioren sollten mit Würde grau werden”

Nun ist es soweit – die zwölf Tage neigen sich dem Ende zu. Yimins Terminkalender führt sie zunächst nach Bonn, dann weiter nach München. Denn auch dort erwarten sie interessante Menschen, tolle Aktivitäten im Alter und Ideen, die sie mit nach Hongkong nehmen kann.

Doch sie kommt wieder – und zwar schon bald. Denn sie wird ein weiteres Mal in Arnsberg recherchieren, unter anderem das “Repaircafé” und “Speed-Dating” kennenlernen.

“Der Anteil der Bevölkerung in Hongkong im Alter von 65 Jahren oder höher erreicht Rekordzahlen von 16%. Es ist traurig, dass viele ältere Bewohner kämpfen müssen, um in einer der reichsten Städte der Welt, Hongkong, zu überleben. Einer von drei älteren Menschen lebt in Armut. Trotz des Mangels an einem umfassenden ambulanten und stationären Hilfs- und Betreuungsdienstes für ein selbstbestimmtes Leben im Alter sind sie tolerant und wohlgesonnen.
Sowohl bei meiner journalistischen Arbeit als auch bei den freiwilligen Sozialdiensten habe ich viele Senioren kennengelernt. Sie haben uns sehr viel beigebracht und uns ein besseres Leben beschert. Jetzt ist es an der Zeit, ihnen Respekt und Chancen zu gebühren! Deshalb versuche ich immer, ältere Menschen positiv zu betrachten und neue Wege zu finden, wie ältere Menschen anmutig alt werden können. Ich wünschte, alle Senioren könnten mit Würde grau werden.”
Natalie Yimin Chen, Journalistin aus Hongkong

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