Gedankenschnipsel – die Quellen meiner Entscheidung
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Gedankenschnipsel – die Quellen meiner Entscheidung

Tja – da sitz’ ich nun. Töchterchen flitzt tobend mit ihrer Freundin durch die Halle und Mutter sitzt draußen in der kühlen Sonne, weil drinnen kein Platz mehr ist. Wer fährt auch sonntags in eine Indoor-Spielplatzhalle!?

Zeit zum Nachdenken oder den Kopf freikriegen? Ich entscheide mich für Ersteres – denn in den letzten 12 Monaten ist so einiges geschehen und vor mir liegt eine große Entscheidung. Aber dazu später mehr.

Alles begann im September 2015, also vor rund eineinhalb Jahren. Innerhalb kürzester Zeit fanden hunderttausende Menschen den Weg nach Deutschland und rund 1200 von ihnen nach Arnsberg. An einem Sonntagabend erhielt ich einen Anruf von einem frisch gegründeten Freundeskreis in der Flüchtlingshilfe, der mich einlud, noch am selben Abend in die Notunterkunft zu kommen. Zu der Zeit war ich noch in der Neheimer Redaktion des Wochen-Anzeigers tätig, die zwischenzeitlich leider aufgelöst wurde. Selbstverständlich fuhr ich den Abend hin! 100 neue Menschen sollten an diesem Abend in zwei Bussen anreisen und aufgenommen werden. Eine Mammutaufgabe für das DRK und die zahlreichen Ehrenamtlichen, die kurzerhand zur Hilfe bereitstanden.

In gewohnt objektiver Manier fuhr ich also zu einem weiteren Termin, der mir eine eigene Geschichte fürs Blatt einbringen sollte. Um einen guten Einblick zu erhalten, stellte ich mich jedoch nicht an den Rand, um das Geschehen “aus sicherer Entfernung” zu beobachten, sondern schmiss mich ins Getümmel. Beginnend bei der Security, die im Eingangsbereich dafür zu sorgen hatte, dass die Menschen die provisorisch aufgestellten Registrierungstische nicht stürmten, hinweg über die Überführung der gebeutelten Menschen an den erstuntersuchenden Arzt bis hin zur Essensausgabe. Schließlich waren die Menschen hungrig. Meine Eindrücke fasste ich dann zu einem einschlagenden Zeitungsartikel zusammen. Einen Artikel, der mir die Tür zu vielen neuen Erfahrungen öffnete.

Im Nachhinein betrachtet war ich an diesem Abend bereits an einem Punkt, der mich daran zweifeln ließ, dass ich innerhalb dieser Thematik die nötige Objektivität in meinem Job als freie Journalistin beibehalten könnte.

Wenige Wochen und viele nachdenkliche Momente später war ich wieder in der Notunterkunft – eigentlich, um einen Bericht über den unermüdlichen Einsatz der Ehrenamtler zu schreiben. An diesem Tag lief mir der damalige Leiter, Hans Wulf, über den Weg – natürlich. Schließlich wollte man wissen, was ich dort suchte. Während unseres Gesprächs wurde mir bewusst, dass ich nicht auf Klicks fördernde News setzte, die “unausgesprochenen Regeln” im Journalismus, die Augen immer für etwaige Schlagzeilen aufzuhalten, in dieser Thematik ad acta und mir meine eigene Regeln zurecht legte. Ich erklärte, dass ich die Menschen hinter den Zahlen kennenlernen und genau deren Schicksale in den Fokus meiner Arbeit rücken wolle.

Und so stellte mir Hans Wulf den iranischen Filmemacher, Siamak, vor. Seine Geschichte schockte – denn so etwas hätte es hier in Deutschland nicht gegeben.

Auch wenn ich meine Berichte entsprechend der Regeln objektiv schrieb, war dies -im Nachhinein betrachtet- das zweite Mal, dass ich ins Grübeln kam. Wie könnte ich dem Journalismus gerecht werden, wenn ich nur eine Seite der Medaille beleuchtete?

Es folgten weitere Geschichten. Geschichten über Freundschaften, Schicksale und natürlich auch Fakten.

Doch eins störte mich: Jedes Mal, wenn ich meine Recherchen oder Gespräche geführt hatte, verließ ich die Notunterkunft einfach so. Einfach so – ohne wirklich geholfen zu haben. Denn im Grunde hatte ich nur eine weitere Story geschrieben – ohne den Menschen wirklich tatkräftig unter die Arme gegriffen zu haben. Ohne etwas bewirkt zu haben.

Umso erfreulicher war es für mich als ich erfuhr, dass eine meiner Storys doch zu einem positiven Ergebnis geführt hatte. Endlich war eine Story nicht nach drei Tagen vergessen, sondern hatte eine Welle ausgelöst. Eine Welle, die dafür sorgte, dass ein Flüchtling in Arnsberg bleiben durfte und im Kunstverein Arnsberg eine neue Herausforderung gefunden zu haben schien. Die Geschichte des iranischen Filmemachers, Siamak. So oft hatte ich von Mitgliedern des Freundeskreises gehört, dass liebgewonnene Menschen im Nullkommanichts weg waren – auch wenn sie Arnsberg gar nicht verlassen wollten. Aber die Regeln sahen dieses halt vor. Denn schließlich waren viele Menschen in der Notunterkunft, die eben nicht der Stadt Arnsberg zugeordnet wurden, sondern sich schlichtweg auf der Durchreise befanden.

Dennoch – es gab 1200 Menschen in Arnsberg (… plus die eh noch und schon seit Jahren in den Flüchtlingsunterkünften wohnenden Menschen), denen ich durch meine Geschichten nur bedingt helfen konnte. Eigentlich nur in der Form, dass die Leser sensibilisiert und auf die einzelnen Schicksale aufmerksam gemacht wurden. Dass Menschen nicht pauschal in eine Schublade gesteckt wurden.

Nun – Arnsberg entwickelte sich weiter, die Flüchtlingshilfe wurde zu einem Hauptziel vieler Bürger und Bürgerinnen. Etliche Projekte wurden gestemmt, um den Menschen eine Hilfe im Alltag und zur Integration zu bieten. Und ich mittendrin als berichtende freie Journalistin. Nicht mehr und nicht weniger. Ich fotografierte, schrieb, videographierte und tat mein Bestes, damit diese Projekte gesehen wurden und bestenfalls Nachahmer fanden.

Doch es war immer noch nicht das, was mich beruhigte. Immer noch nicht das, was mich abends gut einschlafen ließ. Von Objektivität meiner Berichte ganz zu schweigen – denn auch wenn sie objektiv geschrieben waren, so stand hinter ihnen auch meine subjektive Meinung. Gut, dass ich mich auf Reportagen versteift habe, die eine subjektive Färbung zulassen.

Ende Januar 2016 war es dann soweit – die Redaktion des Wochen-Anzeigers brauchte keine freien Journalisten und einen Monat später auch keine Räumlichkeiten mehr. Auch wenn ich den ein oder anderen Auftrag auch heute noch gerne annehme, so ist es doch was anderes.

Damals ging es innerhalb der Flüchtlingsthematik ans Eingemachte. Nachdem die “Grundversorgung” der Menschen geregelt war, standen die eigentlichen Probleme auf der Agenda: Deutsch lernen, Wohnung finden, Ämter besuchen etc.

Als ich dann von Marita Gerwin darauf hingewiesen wurde, dass die VHS bzw. das Bildungszentrum Dozenten für sogenannte Integrationsklassen an den verschiedensten Schulen im Stadtgebiet Arnsberg suchte, sah ich meine Chance endlich etwas Handfestes zu tun. Endlich direkt “an der Front” zu helfen, ohne “nur” darüber zu berichten. Deutsch – kein Problem. Arbeit mit Flüchtlingen – kein Problem. Erfahrungen im Unterrichten von Kindern bzw. Jugendlichen – Problem! Bisher hatte ich schon vieles in meinem Leben gemacht, aber eben noch keine Kinder unterrichtet. Dennoch wurde ich für wenige Stunden auserkoren – zunächst in Form einer Hospitation im DaZ-Unterricht an der Agnes-Wenke-Sekundarschule. An der Seite der erfahrenen Lehrerin, Susanne Stegmann. Angebot angenommen! Kurzerhand begann ich nur wenige Tage später, am 01.02.2016, in der AWS.

Natürlich hatte ich anfangs Bedenken: Wie werden die Kids und Teens auf mich reagieren? Was erwartet mich als DaZ-Unterstützung und inwiefern wird dies auch meinen Weg prägen (schließlich hatte ich soeben meine monatliche Einnahmequelle verloren)? Doch es klappte alles – in jeglicher Hinsicht. Ich kam mit den Kids zurecht, konnte mich ins Kollegium einfinden und hatte eine Menge Spaß dabei, den Kindern und Jugendlichen beim Erwerb der deutschen Sprache zu helfen. Auch wenn es natürlich nicht immer leicht war und ist. Auch wenn die persönlichen Geschichten der Kids und Teens einem ebenda schlaflose Nächte bereiten. Auch wenn ich mir niemals hätte vorstellen können, im Bereich der Pädagogik eine neue Herausforderung zu finden!

Die Freude war groß, als ich im April 2016 von der Schule das Angebot bekam, mich auf eine Vertretungsstelle zu bewerben. Kurze Zeit später, aber nach einem riesigen Papierkram, war ich dann eingestellt. Trotzdem schrieb ich natürlich den ein oder anderen Artikel für die Zeitungen. Zwischendurch auch für die Westfalenpost.

Nach den Sommerferien wurde mein Vertrag an der Schule dann verlängert und mein Aufgabenbereich um die Pressearbeit in der Schule erweitert. Endlich gezielt etwas für die Menschen tun und gleichzeitig keine Sorgen um mein eigenes Konto haben zu müssen, fand und finde ich noch klasse!

Natürlich ist diese Möglichkeit eine Möglichkeit auf Zeit – denn irgendwann läuft die Vertretungsstelle aus. Und damit auch meine Tätigkeit an der Schule? Und genau da liegt nun meine Entscheidung. Ich muss mich entscheiden, ob ich an der Schule bleiben und meine volle Priorität auf die dortige Tätigkeit lege oder nicht. Nun – eigentlich habe ich mich schon entschieden!!! Dennoch hängt mein Herz zusätzlich am Recherchieren, Fotografieren, Videographieren und Schreiben. Fazit: Ich will beides!

Beschränkt sich meine Tätigkeit jetzt auf die Schule? Nein – keinesfalls! Denn meine Kollegin und ich ticken auf einer Wellenlänge und kümmern uns nicht nur um die Schüler und Schülerinnen, sondern auch um die Familien. Insgesamt sind es nun zwei Großfamilien, denen ich den Einstieg in den Alltag erleichtern möchte – beispielsweise in Form von der Hilfe bei etwaigen Formalitäten, bei kulturellen Fragen oder auch Problemen. Probleme bezüglich ihres Bleiberechts etc. Naja – auch damit beschere ich mir schlaflose Nächte. Denn die Geschichten berühren und erschüttern zugleich. Aber sie zeigen auch, dass ich genau das Richtige gemacht habe: Auf ins kalte Wasser – statt “nur” Storys zu sammeln und darüber zu schreiben.

Das, was ich in den letzten 12 Monaten gelernt, erfahren und erlebt habe, wäre Stoff für ein eigenes Buch. Das, was ich mir nach reiflicher Überlegung nun für die Zukunft vorgenommen habe, ist meiner Meinung nach ein logischer Schritt. Denn ich möchte an der Schule bleiben, meine Tätigkeit dort festigen und weiterhin für die Schüler und Schülerinnen da sein!

Das bedeutet für mich: Lernen! Lernen! Lernen!

Denn einerseits benötige ich das pädagogische Know-how – nach einem Jahr an der Schule glaube ich jedoch zu wissen, worauf ich mich einlasse. Dementsprechend habe ich mit einer DaZ-Qualifizierung begonnen, um die Weichen für eine weitere Tätigkeit an der Schule zu legen. Andererseits möchte ich mich zusätzlich auf einen weiteren Bereich einschießen: Medienpädagogik.

Und ja – auch das Schreiben möchte ich nicht missen. Aber warum nicht auch in der Schule? Einen kleinen Start haben wir hingelegt, indem wir ein neues Mittagsangebot für die Schüler anbieten – das Bloggen in einem Schulblog.

Nun – es ist endlich soweit. Meine Tochter und ihre Freundin haben sich ausgetobt. Wir können endlich nach Hause fahren. Aber auch hier habe ich etwas gelernt: Schreiben geht immer – sei die Geräuschkulisse auch noch so groß…!

Ich bin gespannt, welche Steine ich für meine Ziele aus dem Weg räumen muss – aber bin mir ebenso sicher, dass es sich lohnen wird! Und wenn ihr mich auf diesem Weg begleiten wollt, dann bleibt einfach dran. Abonniert meinen Blog via Email und folgt mir im Social Web. Ich werde berichten …

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