“Kindheitssplitter” – Menschenskinder. Nachdenken! (Leseprobe online)
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“Kindheitssplitter” – Menschenskinder. Nachdenken! (Leseprobe online)

Menschenskinder. Nachdenken!

Mit gesenktem Blick schaut sie mich an. Ihre Stimme zittert, nervös spielen ihre Hände an der Tischdecke. Die 84-Jährige weiß, was der Krieg mit einem macht. Im zweiten Weltkrieg erfuhr sie, wie es ist, geliebte Menschen zu verlieren. Sie kennt das Leben im Bunker. Ein Leben unter dem Machtgehabe Hitlers. Sie kennt es, wenn Menschen aufgrund ihrer Kultur, ihrer Behinderung oder ihrer Kritik (!) verfolgt, gestellt und getötet werden.
Heute erschrickt sie, wenn sie die Nachrichten sieht. Den Hass gegen Menschen. Die Aufruhe rechtsradikaler Gruppierungen. Das Gehabe rechtspolitischer Parteien. Sie kann es nicht fassen. Und sie warnt – sie warnt vor einer Wiederholung dessen, was ihr die Kindheit und Jugend nahm …

“Wenn ich das immer sehe, im Fernsehen, werden Erinnerungen wach. Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert!
Alle, die heute so dämlich reden oder sonst was machen, würden anders denken, wenn sie
auch nur einen Hauch davon erlebt hätten, was wir früher erlebt haben.

DANN WÜRDEN ´SE ANDERS DENKEN!

Menschenskinder nochmal – ´se können sich doch alle so vertragen.
Es ist im Grunde doch genug da.
Ich hab´ schon so oft gedacht:
Hätten ´se nur mal das letzte Jahr im Krieg erleben müssen.
Dann würden ´se heute den Mund nicht aufmachen.
Da wärn ´se alle froh, dass hier Frieden ist.
So schön, wie die es alle gehabt haben, wie die aufgewachsen sind,
ich meine unsere Kinder, Enkel.
Die sind doch alle super aufgewachsen. Wir haben immer gesagt, dass sie es gut haben sollen.
Wir haben gearbeitet, doppelt und dreifach!
Haben getan, was wir konnten!
Die haben nix mehr von dem erlebt, was früher war.
Denen ging es immer gut.

UND JETZT MACHEN ´SE SOWAS!

Wenn ich das immer sehe, diese Aufmärsche, dann könnte ich jedes Mal unter
die Decke gehen. Es ist furchtbar. Das ist nix.”

“Kindheitssplitter – Erzählungen aus einer Zeit, in der Hass und Krieg die Welt regierten”

Es sind die kleinen Dinge, die das Leben ausmachen. Viel mehr gab es für die Menschen in der Kriegs- und Nachkriegszeit auch nicht. Jedes Brot erforderte einen mutigen Einsatz – immer mit der Angst im Nacken, das nächste Opfer zu werden.

Wir kennen die Geschichte, die zahlreichen Lehrbücher über den zweiten Weltkrieg und das, was uns Dokumentationen im Fernsehen aus dieser herzlosen Zeit zeigen. Doch was ist mit den Seelen der Menschen? Was haben sie uns zu erzählen?

KINDHEITSSPLITTER ist eine Mischung aus Fakten, Schicksalen und Gefühlen – aus dem Leben von Irmgard und den Erinnerungen an den Erlebnissen ihres Mannes, Erwin, erzählt. Es geht um Schicksale und Heldentaten.

Ich bin stolz, Irmgard kennengelernt und ein wenig aus ihrem Leben erfahren zu haben – sie ist eine starke Frau, die sich trotz zersplitteter Kindheit ihre Träume und ihren Lebensmut nicht hat nehmen lassen.

Kindheitssplitter – die Feedbacks

Das journalistische Auftragsbuch zu schreiben war eine große Ehre für mich – ich habe Dinge über das Leben im und nach dem zweiten Weltkrieg erfahren, die einem nur Zeitzeugen erzählen können.

Nachdem das Buch gedruckt und ausgeliefert war, verschenkte sie es zu Weihnachten im Familien- und Freundeskreis. Ein paar Wochen später rief sie mich an und berichtete mir von durchweg positiven Feedbacks. Alle hätten beim Lesen geweint. Viele staunten – sie wussten gar nicht, was ihre Mutter/Schwiegermutter/Großmutter alles erlebt hatte.

Leseprobe aus “Kindheitssplitter”

Kapitel 1

Bleib unten, die mähen dich ab!”

Mitten im sogenannten Volkssturm, der im Oktober 1944 ins Leben gerufen wurde, musste auch der damals 16-jährige Erwin an die Front. Gemeinsam mit weiteren Jugendlichen und vielen älteren Männern, die auch “Landzer” genannt wurden, sollte er die Russen an der Oder aufhalten. Ein schier unmögliches Unterfangen. Denn während die Jugendlichen über keinerlei Kriegserfahrungen verfügten, waren die älteren Männer, die auch bereits im ersten Weltkrieg gedient hatten, genug damit beschäftigt, die jungen Heranwachsenden vor dem Tod zu beschützen.

Irmgard erinnert sich an die Erzählungen ihres Mannes, die ihr so nah gehen, dass sie sie mir weitergibt, als habe sie selbst im Schützengraben gelegen. Immer wieder erzählte Erwin ihr von der Front – die Erinnerungen selbst aufzuschreiben, schaffte er jedoch nicht. Bleib unten, die mähen dich ab!” Worte, die treffender gar nicht sein könnten – denn jeder, der im Schützengraben auch nur ansatzweise den Kopf hob, um etwas zu sehen, starb. So auch ein junger Bursche direkt neben Erwin. Er selbst traute sich nicht, den Kopf zu heben. Diese Angst rettete ihm das Leben. Jede noch so kleine Bewegung wurde von den Scharfschützen der anderen Seite wahrgenommen – auch wenn sie teils wie wild um sich schossen, um nicht selbst Ziel der Kugeln zu werden. Und mittendrin der 16-jährige Erwin, nichts ahnend, was nach dieser unendlich erscheinenden Odyssee noch auf ihn zukommen würde.

Nun, der Krieg war ja dann verloren und Erwin kam in russische Gefangenschaft. Er wurde in die Tschechei nach Königsgrätz gebracht mit allen anderen. Und dort haben sie dann auf einer riesengroßen Wiese, eingezäunt hinter Stacheldraht, gelegen. Vier Wochen. Sie wurden von den Russen bewacht. Da war nichts – einfach nur Wiese”, erzählt Irmgard.

Es war Mai 1945 – Hitler hatte sich gerade das Leben genommen und die Alliierten stürmten das Land. Sommerzeit. In diesem Jahr war es besonders heiß – den gesamten Mai über 36 Grad Celsius. Es sei glühend heiß gewesen, erinnert sich Irmgard. Zum Leid der vielen Soldaten, die von den Russen auf der freien Wiese gefangen gehalten wurden.

Es gab nur wenig zu Essen und Trinken für die Soldaten. Mal ein Stück Brot, mal ein bisschen Marmelade, mal einen Becher Wasser. Und das wars! Sie haben gehungert. Das Schlimmste, sagte mein Mann immer, sei der Durst gewesen!”

Ab und zu trauten sich junge Tschechinnen, den Soldaten am Abend in der Dunkelheit heimlich am Stacheldrahtzaun etwas Wasser zu geben. Doch meistens wurden sie erwischt. “Sie gingen hinten rum, damit die Russen sie nicht sehen – irgendeiner hat sie dann doch erwischt. Die Kannen voller Wasser wurden dann vor den Augen der gefangenen Soldaten umgestoßen, während ihnen die Hitze die Kehle zuschnürte”, sagt Irmgard. Ihr Mann habe immer gesagt, dass sei das Schlimmste gewesen – während ihnen die Zungen vor Durst aus dem Hals hingen.

Nachts schossen Erwin die Worte aus dem Schützengraben wieder durch den Kopf: Bleib unten, die mähen dich ab! Denn auch jetzt musste er wieder mucksmäuschenstill auf der Wiese liegen. Die kleinste Bewegung hätte ihm das Leben kosten können. “Sie lagen da einer neben dem anderen und durften sich nicht rühren. Niemand durfte aufstehen, um einmal auszutreten. Nix. Auf gut Deutsch: Sie mussten sich nachts in die Hose pinkeln!”, erklärt mir Irmgard mit einem lachenden und einem weinenden Auge. “Die durften nix. Wenn sie sich bewegten, wurden ´se direkt abgeknallt!”

Jeden Morgen mussten sich die Soldaten in einer Reihe aufstellen. Hintereinander weg gingen die russischen Soldaten durch die Reihen und pickten sich einen nach dem anderen heraus. Du, du und du. Kurzerhand wurden sie auf einen Lkw aufgeladen und weggebracht. Wir haben sie nie wieder gesehen – wir haben es nur knallen gehört”, erzählte Erwin seiner Frau.

All diese Männer wurden erschossen, resümiert sie.

Tag für Tag hatte Erwin Angst, selbst ausgewählt zu werden. Selbst angetippt zu werden und auf dem Lkw zu landen. Doch nach zwei bis drei Wochen sei man abgestumpft. Auch er, Erwin, habe sich irgendwann gewünscht, endlich ausgewählt zu werden, damit er das alles nicht mehr mitkriegen müsse. Aber es passierte nicht.

Endlich – nach vier Wochen – bekam Erwin Entlassungspapiere. Auf diesen stand jedoch nicht nur sein Name. Gemeinsam mit drei weiteren Soldaten erhielt er ein Dokument, das ihn nach Hause bringen sollte. Erwin nahm den Schein direkt unter seine Fittiche – denn wenn die Vier sich auf der Heimreise trennen würden (jeder wohnte schließlich woanders), dann hätte er den Entlassungsschein bei sich. Er musste aus der Tschechei nach Oppeln. Damals gehörte Oppeln noch zu Deutschland.

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