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Papier - immer Papier

Ich sitze in einem völlig überfüllten Raum von gefühlter 3 qm Größe. Neben mir eine junge Familie, deren Kleinkind gespannt mit dem Fitzelchen von Zettel umher wedelt. “Gleich kommt die 35, die 36, die 37 und dann sind wir dran”, höre ich den augenscheinlichen Vater sagen. “Ein bisschen dauert es noch!”

Wir haben die Nr. 47 – ein bisschen dauert es noch! Mir gegenüber sitzt ein älteres Pärchen. Er, ziemlich gerädert ausschauend, lässt seiner Begleiterin den Vortritt, als die Anzeigetafel endlich die Nr. 37 anzeigt. Den Ton, den wir soeben vernommen haben, müssen wir uns noch ganze 10 Mal anhören. Dann endlich können wir rein.

Ich habe etliche Papiere in der Hand. Papiere, die der syrische Vater, den ich begleite, schon einmal eingereicht hat. Papiere, die noch fehlten. Und Papiere, von denen der Behörde erst nach zweieinhalbwöchiger Bearbeitungszeit aufgefallen ist, dass sie diese benötigt. Kurzum: Papiere ohne Ende!

Nervös schaut der Familienvater mich an – wird jetzt alles klappen? Wird er weitere Schreiben bekommen, die er nur ansatzweise versteht?

Seitdem er in Deutschland ist, überhäufen die verschiedensten Behörden ihn mit Schriftwerken. Schriftwerke von der Stadt, der Ausländerbehörde, dem Bamf, der Krankenkasse, den Schulen – und, und, und. Zur Kenntnisnahme, zum Verbleib bei seinen Unterlagen oder auch mit der Bitte um Vorlage weiterer Unterlagen – wie in diesem Fall.

“Papier – immer Papier”, sagt der Syrer und schaut mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge an. Schon des Öfteren habe ich “Beamtendeutsch” in einfache Sprache (Umgangssprache) “übersetzt”. Deutsch in Deutsch. Und die Familie lernt auch akribisch unsere Sprache. Die Kinder gehen zur Schule – die Eltern zur VHS. So verstehen sie schon einiges – aber eben kein bürokratisches Deutsch!

Diesmal ist es zu kompliziert. Da gehe ich lieber direkt mit zur Behörde, um es vor Ort zu klären.

Vor fünf Wochen hat er das letzte Mal Geld zum Lebensunterhalt seiner mehrköpfigen Familie bekommen. Und wer kennt das nicht? Bereits am Ende des Monats ist davon nichts mehr übrig. “Wie Essen kaufen?”, fragt er mich mit sorgvollem Blick. “Ich habe Vorschuss bekommen. Aber wie lange?”, setzt er nach.

Das klären wir jetzt! Denn ehrlich gesagt hatte ich bislang noch keine Berührungspunkte mit der Behörde. Zum Glück – wie ich feststelle.

Allerdings verstehe ich die Inhalte bürokratischer Briefe (Heute ist einer dieser Tage, an denen ich mich freue, elf Jahre beim Rechtsanwalt gearbeitet zu haben!).

Endlich – es bimmelt. 47! Wir sind dran. Kavaliersmäßig lässt er mir den Vortritt, als wir durch die Zwischentür zum Tresen gehen. Zielsicher nehme ich die Kontoauszüge, die Mitgliedsbescheinigungen der Krankenkasse und die weiteren Unterlagen aus der vorher sensibel zusammengestellten Folie. Freundlich und zuvorkommend werden wir von der Dame empfangen (Da habe ich auch schon ganz andere Geschichten gehört.)! Nun gut – dass nach zweieinhalb Wochen auffällt, dass man ja auch den Mietvertrag und eine Mietbescheinigung braucht, kann ihr ja nicht angelastet werden.

Doch es ist gar nicht so einfach, an diese Unterlagen zu kommen. Denn der Mietvertrag läuft nicht direkt über die syrische Familie. Soll heißen – hier muss eine weitere Behörde tätig werden. Dies aber erst am Montag. Logisch. Heute ist ja schon Donnerstag. Nun gut. Das sind nun die einzigen Unterlagen, die noch fehlen. Ich plädiere auf Montag und erkläre dem syrischen Familienvater, was er am Montag machen muss. In einfachen Sätzen – er versteht.

Jetzt heißt es warten, warten und warten. Auf Montag, auf den dann hoffentlich bald erteilten Bescheid und natürlich die entsprechende Kontobewegung.

Auf dem Weg nach Hause (knapp eine Stunde, nachdem ich mit ihm das Wartezimmer betreten habe) frage ich mich: Wie machen diejenigen Menschen das, die keinen deutschen Helfer an ihrer Seite haben? Die sich selbst oder mit Hilfe etwaiger Beratungsstellen (wo man selbstverständlich auch erst einmal Termine beantragen muss) durch das Wirrwarr etlicher Behördenschreiben kämpfen müssen.

Und ich frage mich: Wie anstrengend muss die Arbeit am Empfang solcher Behörden sein – für die Mitarbeiter, die eben tagtäglich mit diesen Sprachbarrieren zu kämpfen haben? Hut ab!

Dennoch – ich denke, eine Einheitslösung gibt es nicht. Denn wenn es möglich wäre, entsprechende Dolmetscher einzustellen, hätten diese Behörden es doch auch gemacht. Oder nicht?

Nun könnte man behaupten, dass es die Aufgabe des Syrers sei, die Sprache so zu lernen, dass er ebensolche Briefe verstehen kann. Aber: Wir besuchen mindestens 10 Jahre als Muttersprachler oder in Deutschland geborene Person die Schule – lernen dementsprechend nicht nur die einfache deutsche Sprache, sondern auch Fachbegriffe sowie Interpretationsweisen. Diese Menschen, die größtenteils erst seit 1,5 Jahren in Deutschland sind, können dieses Wissen nicht via Deutsch- und Integrationskurs in kurzer Zeit nachholen. Das geht einfach nicht. Wie also bewerkstelligen?

Meiner Meinung nach bleibt da nur eins: Die Hilfe derjenigen, sie sowohl die deutsche Sprache wie auch -zumindest ansatzweise- das System verinnerlicht haben. Eben Hilfe von uns!

Daher würde ich mich freuen, wenn auch die Menschen, die bislang keine deutschsprachigen Freunde oder Helfer gefunden haben, eine solche Unterstützung bekommen würden. Aber auch hier gilt wieder: Wie bewerkstelligen?

Ein Ansatz können Patenschaften sein – wie zum Beispiel die von der BaS geförderten Patenschaften innerhalb des Projekts “Menschen stärken Menschen”. Eine Idee, die bereits jetzt Früchte trägt!