Das versteh’ mal einer…

Da sind Menschen, die die offenkundigen Lücken in zahlreichen kleinen und großen Unternehmen (vorwiegend Handwerk und Pflege) schließen können und was machen wir?


Wir verschließen die Tür!

Da sind Menschen, die jegliches Klischee widerlegen, sich “unseren Werten” nicht versperren und was machen wir?
Wir verschließen die Tür!

Da sind Menschen, die sich vorbildlich integrieren, sich sogar ehrenamtlich engagieren und was machen wir?
Wir verschließen die Tür!

Mittlerweile zeigt sich das Phänomen der zwanghaft ablehnenden Haltung nicht mehr nur in Bayern – auch hier in NRW geht es den Menschen an den Kragen. Ich rede hier von Menschen, die eine lange und gefährliche Flucht auf sich genommen haben, um in Sicherheit und ohne Angst vor dem Tod zu leben. Um sich nicht auf den Leistungen des Jobcenters auszuruhen, sondern eine Existenz aufzubauen.

Noch vor wenigen Monaten wurde über genau diese Menschen und den aktuellen Arbeitsmarkt in Deutschland gesprochen. Darüber, dass unser Land unbedingt Pflegekräfte braucht. Dass Nachwuchshandwerker benötigt werden. Unternehmer sollten offen sein und diesen Menschen eine Chance geben. Sie wurden beraten, teilweise wurde ihnen “die Angst” genommen. Und was passierte? Zahlreiche Unternehmen sind der Aufforderung gefolgt und haben Menschen aus fernen Ländern Arbeit geboten. Praktika, Aushilfsverträge und nicht selten sogar Ausbildungsverträge. Sie haben sie in ihre Mitte genommen.

“Top” – mag man denken. Denn schließlich haben diese jungen Männer und Frauen ihrem Glück auch nachgeholfen – haben innerhalb kürzester Zeit Deutsch gelernt, einen Schulabschluss gemacht und sich freiwillig integriert. Dann haben sie es sich auch verdient, oder?
Richtig.
Naja – fast!

Papierwust erklimmen, Deutsch lernen, Job finden – dann ins Herkunftsland

Denn nun reden wir nicht mehr darüber, den Menschen Jobs zu geben und sie in ihrer persönlichen Integration zu unterstützen – plötzlich reden wir davon, dass sie zurückkehren sollen. In ihre Länder. In Länder, wo Bombenanschläge, Folter und der Tod auf der Tagesordnung stehen. Und das bestenfalls freiwillig.

Ich erinnere mich an ein Netzwerktreffen, in welchem “uns Ehrenamtlichen” gesagt wurde, dass wir umdenken und die Menschen hinsichtlich einer eventuellen freiwilligen Rückkehr beraten und unterstützen sollten. Echt jetzt? Haben wir sie wirklich monatelang und teils jahrelang durch den deutschen Papierwust gejagt, ihnen beim Deutschlernen geholfen und sie auf mentale Art und Weise unterstützt, um ihnen jetzt zu sagen, dass wir sie in die gefährlichsten Orte der Welt zurückschicken wollen? Ich nicht!

Und jetzt? Jetzt urteilt das Verwaltungsgericht die Asylverfahren junger Menschen negativ, die sich nachweislich integrieren, in unbefristeten Arbeitsverhältnissen stehen oder eine Ausbildung beginnen. Das eines 18-jährigen Afghanen aus Arnsberg zum Beispiel. Er hat eine Ausbildung begonnen und kann so zumindest auf eine Ausbildungsduldung hoffen. Ein anderer, etwas älterer Afghane kann dies nicht. Er hat keinen Ausbildungsvertrag, arbeitet “nur” als Hilfskraft, verdient aber so viel, dass er kein Geld vom Jobcenter benötigt.

Keine Einzelfälle! Denn auch anderenorts haben Ehrenamtliche wie auch Unternehmen mit genau diesen Themen zu tun. Am Wochenende las ich einen Beitrag der Firma Kipp Umwelttechnik aus Bielefeld – hier sollte Hakeem aus Ghana am 1.8. seine Ausbildung beginnen, durfte dies jedoch nicht. Arbeitsverbot aufgrund ungeklärter Identität. Zwei Tage vor dem Beginn der Ausbildung erfuhren er und sein neuer Arbeitgeber dies – nachdem er in der gleichen Firma erfolgreich sein Einstiegsqualifizierungsjahr absolviert hatte. Statt es ihm zu ermöglichen, auf eigenen Beinen zu stehen und selbst Geld zu verdienen, reißt man ihm den Boden unter den Füßen weg und zwingt ihn, vom Staat zu leben.
Quelle: https://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/22207923_Verzweifelte-Chefin-Junger-Fluechtling-darf-nicht-mehr-arbeiten.html

In einem persönlichen Telefonat mit Maja Gehle, die sich gemeinsam mit dem Unternehmen Kipp beherzt und mit einer herausragenden Selbstverständlichkeit für Hakeem, wie auch die vielen anderen Azubis aus fernen Ländern einsetzt, konnte ich mehr über die Geschichte Hakeems und der dahinterstehenden Problematik erfahren. Wir haben viele Parallelen gefunden, ähnliche Geschichten – vor allem aber eine Wellenlänge. Für diese Menschen lohnt es sich zu kämpfen!

Die einen wollen sie holen – die anderen abschieben

Gesundheitsminister Jens Spahn redet davon, Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben, um dem Fachkräftemangel in der Pflege ein Schnippchen zu schlagen. Beispielsweise aus Albanien und dem Kosovo. Beides Drittstaaten nach § 26 Abs. 2 BeschV. (Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/gesundheitspolitik-pfleger-aus-albanien-und-dem-kosovo-sollen-deutschland-helfen/22755242.html)

Im Gegenzug konnten wir alle in den letzten Monaten verfolgen, wie nach und nach Pflegekräfte (aus genau diesen Ländern) abgeschoben wurden oder werden sollen.

So titelten einige Medien:

Pflegerin (Anmerkung: AUS ALBANIEN) lebt seit 13 Jahren in Deutschland – jetzt soll sie abgeschoben werden

Quelle: https://www.focus.de/politik/deutschland/caritas-kaempft-um-ihren-verbleib-caritas-kaempft-um-verbleib-abzuschiebender-pflegekraft_id_9284190.html

Trotz perfekter Integration droht die Abschiebung

Quelle: https://www.schwaebische.de/landkreis/bodenseekreis/kressbronn_artikel,-trotz-perfekter-integration-droht-die-abschiebung-_arid,10822608.html

Wer hinter den 69 Abgeschobenen steckt (Anmerkung: Auch ein junger Mann aus Altenstadt, der Altenpfleger werden wollte, gehört zu den 69.)

Quelle: https://www.volksverpetzer.de/schwer-verpetzt/seehofer-abgeschoben/

Trotz hoher Integrationsleistung (… die asylrechtlich gesehen jedoch völlig wertlos ist und nur im Falle einer eventuellen Duldung eine Rolle spielt) – trotz drohender Gefahr für Leib und Leben im Herkunftsland.

Was will Deutschland?

Ziemlich unlogisch! Oder? Denn schließlich ist es doch die Angst vor dem “Zusammenbruch des Sozialsystems”, die die meisten Menschen gegen Flüchtlinge sein lässt – glaubt man zahlreichen Kommentaren im Social Web. “Ich habe ja nix gegen Ausländer, aber…!”

Rassistisch ist schließlich niemand. Es ist lediglich die kluge Angst vor dem Zusammenstürzen “unseres Systems”, die sich in Deutschland ausbreiten soll. Die Angst davor, dass uns jemand etwas wegnehmen könnte. Und alle, die das nicht verstehen oder den Flüchtlingen gar noch helfen, sind dumme Menschen. Alle, die sich dieser Klischee überzogenen, pauschalisierenden und unmenschlichen Denkweise nicht unterwerfen, sind Gutmenschen. Bahnhofsklatscher. Blindfische – keine Frage.

Die Arbeitgeber, die sich wochen-, nein, monatelang für Asylbewerber eingesetzt haben, die ihnen einen Job gegeben haben, die andersherum aber auch mit ihnen rechneten, sitzen nun auf dem Schlauch. Denn fest eingeplantes Personal “mal eben” zu ersetzen, ist nicht ganz so einfach. Gerade in diesen Branchen.

Genau diesen Arbeitgebern, die dem Ruf “von oben” gefolgt sind und Menschen in den Arbeitsmarkt integriert haben, wird jetzt mit aller Härte vor den Kopf gestoßen.

Auch die zahlreichen Ehrenamtler – Menschen, die kurzerhand und über lange Zeit hinweg genau das gemacht haben, was sich die Politik wünschte (nämlich ankommende Menschen zu unterstützen) sollen plötzlich zurückrudern. Einfach mit ansehen, wie einer nach dem anderen in das unsichere Herkunftsland abgeschoben wird. Oder bestenfalls erst einmal den Status erfragen, bevor sie sich entscheiden, einen Menschen bei seiner Integration zu unterstützen?

Ich verstehe es nicht – ist es nicht genau das, was wir wollen? Dass die Menschen, die nach Deutschland kommen, selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können? Unser Sozialsystem nicht schwächen. Dass sie sich anpassen? Sich integrieren?

Nun haben wir genau diese Menschen vor unserer Nase und was machen wir?
Wir verschließen die Tür!

Das versteh’ mal einer…

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