Plötzlich Plappermäulchen

Wenn aus mucksmäuschenstillen Mädchen echte Plappermäulchen werden, aus vermeintlichen Mauerblümchen strahlende Persönlichkeiten und aus sprachlichen Häppchen große Happen, dann reden wir vom FerienIntensivTraining “FIT in Deutsch”. Denn genau das ist es, was mich überrascht, erfreut und auch ein wenig Stolz macht. Das sonst so ruhige Mädel, das bis ins Detail genau überlegt, wie sie die deutsche Grammatik korrekt anwendet, spricht plötzlich völlig spontan und frei von Zwängen, alles richtig machen zu müssen. Ein anderes Mädel, das sich sonst eher schüchtern in ihrer kleinen deutschen Wortwelt bewegt, spricht plötzlich über dies und das. Volltreffer! So muss das …

22 Kids und Teens, 9 Nationen und Sprachen, ein prall gefüllter Wochenplan – alles gut durchgecheckt. Und dann kommt es erstens immer anders und zweitens als man denkt! Denn schnell stellten wir fest: Diese Teilnehmer/innen sind alles andere als blutige Anfänger – ein sechszehnjähriges junges Mädchen konnte bereits B2 des GER für sich verbuchen. Ein Sprachniveau, das nur mit viel Engagement und Fleiß erreicht wird.

Umdenken! Noch am selben Tag entwickelte ich zwei kleine praktische “Unterrichtseinheiten” – für die Anfänger einen Dialog auf dem Markt und für die Fortgeschrittenen den Notruf bei der Feuerwehr. Gut, dass ich nicht allein war – denn ich bildete ein Team mit Frank Albrecht und Lena Fricke. Wir qualifizierten uns gemeinsam für das FerienIntensivTraining “Fit in Deutsch” für zugewanderte Kinder und Jugendliche der weiterführenden Schulen am Standort der Agnes-Wenke-Sekundarschule. Lena unterstützte uns ab Donnerstag. Die perfekte Grundlage für ein sportlich-kreativ-buntes Angebot!

Kennenlernen. Mit Spaß und Musik.

Rituale, Regeln, Kennenlernen – der erste Tag begann locker und flockig mit einem ausgiebigen Rohkost-Frühstück. Ich kannte lediglich neun der 22 Teilnehmer/innen aus der Agnes-Wenke-Sekundarschule – diese dafür ziemlich gut, so dass mir ihre Veränderungen im Laufe der Woche natürlich besonders schnell ins Auge fielen. Durchweg positiv! Plötzlich unterhielten sie sich (… trotz ähnlicher Herkunftssprachen) auf Deutsch, plapperten einfach drauf los oder erzählten uns den ein oder anderen Schwank aus ihrer Vergangenheit. Sie vertieften ihre Freundschaft. Erzählten sich und uns Witze und trillerten spontan ein Liedchen. Einfach spitze. Allein dafür hat sich diese Ferienwoche schon gelohnt – doch das ist nicht alles.

Die anderen Teilnehmer/innen aus verschiedenen Schulen und Schulformen der Stadt Arnsberg kannte ich nicht. Wie sich später herausstellte, allesamt freundliche und respektvolle Menschen. Menschen, die kreativ und motiviert sind – wenn auch mit kleinen, typisch pubertären Allüren.

Bevor wir durchstarteten, führten wir eine anonymisierte Umfrage durch: Was wünschen sie sich? Mit welchen Erwartungen sind sie hier? 

Aussagekräftige Wünsche (hier: eine kleine Auswahl).

Leider konnten wir natürlich in der Kürze der Zeit nicht alle Wünsche erfüllen, einige jedoch spontan in unser Wochenprogramm einbauen. Frank brachte beispielsweise zwischendurch 32 kleine Tierfiguren mit, um mit den Kids und Teens die Tiernamen zu erörtern.

Freispiel und Mittagspause. Tischfußball, Federball, Tennis und Fußball mit Schaumstoffbällen, Tischtennis – ein Zeitvertreib, den die Kids und Teens gern annahmen. Während sich der Partyservice Mues ums Catering kümmerte und unsere MENSA-Unterstützung Antje Peus gemeinsam mit ein paar Teilnehmerinnen das gelieferte Essen vorbereitete, entstanden spannende “Kicker-Turniere” mit letztendlich Tag für Tag mehr Spielern.

Vielen Dank an Antje Peus (li.) für die tatkräftige Unterstützung in der Mittagszeit.

Seit fast zwei Jahren besteht unsere internationale Trommelgruppe an der AWS – naheliegend also, dass ich Alex auch für diese Ferienaktion ansprach. Er kam und führte die Kids und Teens durch die musikalischen Highlights der Djemben. 

Vielen Dank an Alexander Heuser – Schlagzeuger vom Möhnesee.

Fünf Tage Action pur von 9 bis 16 Uhr – das bedarf schon etwas Phantasie. Denn schließlich wollten wir die Kids und Teens motiviert für den nächsten Tag nach Hause schicken. Und tatsächlich pendelte sich die tägliche Teilnehmerzahl auf 18 ein. 

The Icelandic Village

Creating links between the classroom and the outside world

Angelehnt an das Netzwerk “The Icelandic Village” von Unternehmen in der Innenstadt von Reykjavik und vielen weiteren Städten in Island, das Zweitsprachlerner der isländischen Sprache unterstützt und in alltäglichen Geschäftsinteraktionen “in der Wildnis” schult, konzipierten auch wir unsere zwei Alltagsbegegnungen: “Auf dem Markt” und “Notruf an die Feuerwehr”.

Kennen lernten wir diese Methode innerhalb unserer Qualifizierung – dort berichtete Beate Frenzel von ihrem Studienaufenthalt in Island und stellte ihre entsprechend an die Bedürfnisse der zugewanderten Kinder und Jugendlichen angepasste Modifizierung vor. 

Im Nachhinein muss ich sagen: Es funktioniert! 

Dienstag kümmerten wir uns mit den Sprachlernbeginnern um die Grundlagen – erarbeiteten Obstsorten und ein Verkaufsgespräch. Dieses vertieften wir durch ein Rollenspiel. Die Fortgeschrittenen lernten die Feuerwehr in der Theorie kennen sowie zahlreiche dazugehörenden Nomen, Verben und Adjektive. Auch hier wurde ein Dialog erarbeitet – und innerhalb eines Rollenspiels gefestigt. 

Mittwoch ging es dann “in die Wildnis” – zunächst auf den Markt. Plötzlich stellten sie fest, wie schnell sich ein zuvor einstudiertes Gespräch in der Realität verändern kann. Denn die Marktfrau stellte die verschiedenen Apfelsorten vor, gab Infos zum Ursprung und ließ die Teilnehmer/innen probieren. Dennoch war der Besuch ein voller Erfolg, nicht zuletzt, weil sie uns sogar vier frische Äpfel schenkte.

Vielen Dank an den Gartenbau W. Plattfaut * Gemüsebau, Beet- und Balkonpflanzen * Hamm-Süddinker.

Bei der Feuerwehr, Löschzug Neheim, lernten die Kids und Teens nicht nur die verschiedenen Einsatzwagen sowie deren Ausstattung näher kennen, sondern auch, wie es sich anfühlt, einen echten Notruf abzusetzen. Vielen Dank an Matthias und Nils!

Nun – da gab´s dann auch gleich ein Highlight für mich. Denn ich durfte mit der 30-Meter-Drehleiter hoch hinaus. 

Spaß pur! 

Zurück zum FerienIntensivTraining. Donnerstag sprachen wir über unsere Exkursionen. Was hat sehr gut geklappt? Wo gab es Hindernisse?

Tag für Tag erstellten wir Plakate zum Vortag – denn am Ende der Woche wollten wir den interessierten Eltern und sonstigen Gästen der Abschlussveranstaltung einen Einblick in die Woche bieten. So entstand eine kreative und informative Plakatausstellung.

Super. Gerne wieder!

Ziel des FerienIntensivTrainings war es, die sprachliche Alltagskompetenz der Teilnehmer/innen nachhaltig zu verbessern – das ist uns gelungen. Denke ich! Doch auch der Spaß sollte nicht zu kurz kommen – schließlich meldeten sich die Kids und Teens freiwillig an. Und hey – es sind Ferien!

Wir gingen in die Natur, entwickelten ein Mini-Theaterstück namens #spracheverbindet, spielten Basketball und ließen unserer Kreativität beim Malen und Basteln freien Lauf. An dieser Stelle noch vielen Dank an Saskia Senft, DuG-Lehrerin an der AWS, für ihre Unterstützung beim Theaterstück.

Insgesamt bin ich positiv überrascht. Darüber,

  • dass trotz Freiwilligkeit so viele Tag für Tag wieder kamen.
  • dass Respekt großgeschrieben wurde.
  • dass trotz gelegentlicher kleiner Nörgeleien motiviert und engagiert mitgearbeitet wurde.
  • dass die Tagesabläufe hingenommen und nicht diskutiert wurden.
  • dass alle so viel Spaß miteinander hatten.
  • dass wir unsere Ziele erreichten!

Fazit: Genau das Richtige für die Kids und Teens! Super. Gerne wieder!

Und die Teilnehmer/innen? Was sagen sie?


Ich wollte “Dankeschön” für alles sagen . Es war sehr schön mit euch und ich finde , dass diese Woche tolle Woche war 💝

16-jährige Teilnehmerin

Am besten war Donnerstag. Basketball spielen. Aber auch sonst war gut.

13-jährige Teilnehmerin

Wir sprechen zu Hause nicht Deutsch. Hier kann ich Deutsch sprechen.

14-jährige Teilnehmerin

Ich habe viele neue Wörter gelernt.

13-jährige Teilnehmerin

Ich bin erleichtert, dass es allen so viel Spaß gemacht hat und freue mich aufs nächste Mal!

4 Antworten auf “Plötzlich Plappermäulchen”

  1. Freiwillig. Lustig. Engagiert! Das Programm FIT in Deutsch hat bei den Schülerinnen und Schülern den Nagel echt auf den Kopf getroffen. Ein passender Text dazu, der gut beschreibt, wie es sich zugetragen hat. Dazu noch die Helfer und Unterstützer, die vieles möglich gemacht haben. Ein großes Lob an die Teilnehmer, die echt diszipliniert durchgehalten haben. Weiter so! Ich freu´ mich auf die Fortsetzung.

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    1. Ich freu´ mich auch auf die Fortsetzung 😉

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  2. Chapeau! Eine hervorragende Arbeit und ein erstklassiger Bericht. DANKE! Dafür lohnt sich der Aufwand im Vorfeld. Ich freue mich über dieses Engagement und die Begeisterung der Jugendlichen. Wir werden uns dafür einsetzten, dass dieses Programm bei uns im Sauerland weiter umgesetzt wird. Danke an alle Akteure.
    Thomas Alberts
    Geschäftsführer der BBA – Berufsbildungsakademie der Volkshochschulen im HSK e.V.

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    1. Hallo Herr Alberts. VIELEN DANK für das Lob – wir würden uns sehr freuen, auch beim nächsten Mal dabei sein zu dürfen. Auf bald …

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