Ja, ich bin voll verDaZt

Grafik: @angryjojofrog (Instagram) Die aus Russland stammende fast 14-Jährige ist gerade einmal rund 8 Monate in Deutschland, spricht super Deutsch und zeichnet wie ein Profi! Für diesen Beitrag zeichnete sie ein Porträt von mir. Vielen Dank!

Yara ist eine der älteren Schülerinnen, die nicht nur bereits ein wenig Deutsch sprechen, sondern auch schreiben können. Sie sind wissbegierig und schnell – aber auch pubertierend und schönheitsverliebt.

Alle Nase lang kommt das kleine Spieglein hervor, um ihnen zu sagen, ob die Haare sitzen und das Make-up stimmt. Schnell wird die Frisur in die richtige Pose gezwirbelt, die wie Augenringe aussehenden durch Wimperntusche verschmierten schwarzen Partien entfernt und der Glanz des Mundes korrigiert. Und da ist es völlig egal, dass wir gerade versuchen, Schulutensilien in der deutschen Sprache kennenzulernen. Schönheit ist eben wichtiger. Und ehe ich mich versehe, hält die Erste bereits ihr Smartphone in der Hand, um ihr frisches Styling in gewohnter Manier via Selfie zu verewigen. Innerhalb von Sekunden bildet sich der berühmte Kussmund, bevor der Kopf ein wenig zur Seite gesenkt, eine Haarsträhne ins Gesicht gestupst und der Auslöser der Handykamera ausgelöst wird. Knips – fertig. „Handy bitte weg.“, versuche ich sie kurz und knapp zu animieren, das Handy wegzupacken. Denn Handys sind an der Schule verboten. An das verschämte Grinsen habe ich mich bereits gewöhnt, ebenso wie an den sogenannten Dackelblick, der ihnen in die Wiege gelegt wurde.

Läuft. Regel befolgt, denke ich und versuche mich wieder dem eigentlichen Thema zu widmen, als ich auf einmal den Nächsten mit dem kleinen Spieglein in der Hand erwische. Scheinbar hat es urplötzlich den Besitzer gewechselt – und das Geschlecht. Denn auch Samir möchte wissen, ob seine Gelfrisur noch den richtigen Schwung hat. Hat sie – aber das scheint er anders zu sehen. Wie wild zupft er an seinen Haaren herum, um sie in Szene zu setzen. Er ist der erste Junge, der keinen Scham dabei zu verspüren scheint, mit einem pinken Spieglein in der Hand gesehen zu werden. „Du siehst super aus!“, versuche ich ihm klarzumachen, damit auch er wieder am Unterricht teilnehmen kann. Er sieht mich kurz an, grinst, zupft schnell noch seine Stirnfransen zurecht und wirft den Handspiegel kurzerhand quer durch die Klasse zurück. Na, wenigstens lässt er sein Handy in der Tasche, schwirrt mir durch den Kopf.

***

Februar 2016. Ich erinnere mich gern zurück. Meine ersten Wochen als “Deutsch als Zweitsprache-Lehrkraft”. Absolut unerfahren, aber wissbegierig und voller Elan. Eiskalt erwischt und oft unsicher: Was mache ich hier eigentlich? Kann ich das überhaupt? Bin ich richtig? Rund drei Jahre Erfahrungen, eine DaZ-Qualifikation und viele Fortbildungen später weiß ich: Ich bin richtig! Denn nur so kann ich “an der Front” wirken und Jugendliche auf ihrem Weg in ein neues Leben unterstützen. In erster Linie, indem ich ihnen die deutsche Sprache beibringe, in zweiter Linie jedoch auch, indem ich ihnen und ihren Familien innerhalb ihrer Integration zur Seite stehe.
Und das Beste – ich muss das nicht alleine tun. Denn wir arbeiten im Team: Susanne Stegmann und ich.

Januar 2019. Die letzten drei Jahre waren lehrreich, anstrengend, nervenaufreibend und emotional!

Denn wir hatten es mit vielen Gänsehaut bringenden Geschichten über Krieg und Flucht, Negativ-Bescheiden des Bamf, nicht zufriedenstellenden Gerichtsurteilen, glücklicherweise im letzten Moment verhinderten Dublin-Abschiebungen und vielen weiteren Schwierigkeiten zu tun. Wir mussten feststellen, dass wir nicht alle Jugendlichen “auf ihre Bahn” bringen können, und mit ansehen, wie sich junge Menschen selbst verlieren. Wir haben viel Zeit investiert (… und tun es noch), um Vertrauen aufzubauen, Probleme festzustellen und vor allem Lösungen zu finden. Und wir haben eine internationale Trommelgruppe ins Leben gerufen, mit der wir oft auch öffentlich auftreten (DIES internationalis, Soester Bauernmarkt, Oeventroper Winterfest).

All dies nicht ausschließlich während der Unterrichtszeit, sondern immer wieder auch in unserer Freizeit. Überobligatorisch, ehrenamtlich – wie auch immer man es nennen möchte. Doch ohne diesen Einsatz würde es nicht funktionieren – weder das Deutschlernen, noch die Integration.

Mittlerweile sind in unserer DaZ-Klasse 14 EU- und Drittländer/Sprachen sowie Sprachniveaus von der Alphabetisierung bis hin zu B1 vertreten. Unsere DaZis (wie wir sie liebevoll nennen) sprechen teilweise mehr als drei Sprachen, bringen also Vor-/Sprachkenntnisse mit – teils aber auch nicht. Einige müssen zudem alphabetisiert werden, andere können schlecht lernen. Teils aufgrund Traumatisierungen, teils wegen fehlender Schulerfahrungen (z.B. Syrien).
Zu den Schwierigkeiten, die uns ab und an Gegenwind bescheren, gehören aber auch die derzeitige politische und gesellschaftliche Debatte über Flucht/Migration, fehlende Empathie bei unseren Mitmenschen und das gefühlt immer weiter ins Abseits gestellte Phänomen der Menschlichkeit!

Wir haben es leider nicht nur mit Menschen zu tun, die uns und unsere Tätigkeiten mehr als verstehen, sondern auch mit Menschen, die uns am liebsten zum Mond schießen würden – glücklicherweise nicht viele.

Dennoch – oder gerade deswegen:

Ja, ich bin voll verDaZt und
werde es auch bleiben!

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