Warschaus schlagendes Herz

Ich stehe inmitten eines dunklen Raums, um mich herum die Zeichen des Nationalismus. Auf dem Ohr unter anderem die deutsche Erläuterung zu den Machenschaften der Nazis innerhalb des zweiten Weltkriegs und insbesondere beim Warschauer Aufstand. Was dort passiert ist, ist unbeschreiblich unmenschlich. Die skrupellosen Morde. Die würdelose Ausbeutung. Ich bin sprachlos. All das haben unsere, meine, Vorfahren gemacht. All den Hass verbreitet, all die Propaganda. Mit jedem einzelnen Opfer starb die Menschlichkeit. “Ich kann nichts dagegen tun”, schießt mir durch den Kopf. “Ich trage keine Schuld!”

Ich laufe durch die Hallen, ohne ein Wort zu sprechen. Fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass jemand heraushören könnte, dass ich aus Deutschland bin – also bleibe ich vor den englischsprachigen Tafeln stehen, erwische mich beim Englischsprechen, als mich jemand anspricht. Automatisiert, mental abwesend.

Im nächsten Raum eine B-24 Liberator der Royal Air Force – gespickt mit einem weißen Adler, der das mir verhasste Hakenkreuz zu greifen versucht. Es ist ein Gefühl von Unbehagen und dennoch eine Erfahrung wert, als Deutsche in Polen durch das Museum des Warschauer Aufstands zu gehen – Interviews polnischer Zeitzeugen auf den Bildschirmen zu folgen und sogar durch die rekonstruierten Tunnel zu gehen. Dennoch, ich fühle mich überhaupt nicht wohl und möchte das Museum am liebsten sofort verlassen – aber auch mehr erfahren.

Endlich bin ich wieder dort, wo ich vor gut eineinhalb Stunden stand – am Herzen des Museums. So wird das Monument im Eingangsbereich des multimedialen Museums genannt – denn es verteilt einen dumpfen Herzschlag quer durch das geschichtliche Museum. Einzelne Hörmuscheln in der Wand versetzen mich 74 Jahre zurück. Fliegergeräusche, Schüsse, Bombeneinschläge. Ich bin mittendrin, wenn ich die Augen schließe.

Gewaltige Eindrücke in geballter Form – sprachlos gehe ich nach draußen. Während ich auf die anderen warte, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf:

Ja, ich kann nichts gegen die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs tun. Meine Schuld ist es nicht – aber sie wird es, wenn ich zulasse, dass erneut Hass und Gewalt regieren. Wenn ich zulasse, dass Menschen gegen die Demokratie hetzen und den Nationalismus wieder zum Leben erwecken. Wenn ich zulasse, dass Europa zerbricht. Und – wenn ich zulasse, dass die Menschlichkeit stirbt!

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