Dreieinhalb Jahre – Integration ist ein Auf und Ab der Gefühle

In seinen Augen kann ich Nadim ansehen, dass er genauso nervös ist wie ich. Er muss noch etwas hochschauen, um mir in die Augen zu schauen. So alt wie mein Sohn – jedoch überrumpelt mit Gefühlen, die meinem Sohn bei Weitem erspart blieben. Mit seinen 14 Jahren hat er bereits Dinge hinter sich, die ich mir bis dahin nicht einmal vorzustellen gewagt hätte.

Gemeinsam mit anderen jungen Menschen sitzt er nun vor mir – erwartungsvoll, was nun auf ihn zukommen wird. Ebenso wie ich – denn eigentlich weiß ich gar nicht so recht, was nun zu tun ist. Es ist meine erste Woche im neuen Job – Lehrkraft für Deutsch als Zweitsprache. Einige können schon etwas Deutsch – gelernt im Flüchtlingsheim. Dort hatten sie einen ersten Deutschunterricht besucht. Das erleichtert die Situation ungemein.

Ich weiß nichts über die Schülerinnen und Schüler, die da vor mir sitzen – nur, dass sie als Geflüchtete gemeinsam mit ihren Familien nun in Deutschland leben. Was haben sie in Syrien und Afghanistan erlebt? Wie lebten sie? Warum kamen sie nach Deutschland? All dies soll ich erst nach und nach erfahren.

Nadim lernt gut – zumindest spricht er viel, hat schnell Kontakte zu deutschsprachigen Mitschülern und bemüht sich, alles richtig zu machen. Das Schreiben bereitet ihm Probleme. Von heute auf morgen muss er sich nun dem Unterrichtsstoff der 8. Klasse stellen – nachdem er einige Monate ausschließlich Deutsch lernte, besucht er Unterrichtsstunden wie Mathe, Kunst und Sport. Wenn die sprachlastigen Fächer auf dem Stundenplan stehen, kommt er in den DaZ-Raum und lernt mit uns. Eigentlich eine großartige Strategie, hätte Nadim jemals gelernt, wie man lernt. Denn wie sich herausstellen wird, hat Nadim nur wenige Jahre in der Schule verbracht. Als er die vierte Klasse vollendet hat, entscheidet der Vater, dass seine Kinder nicht mehr zur Schule gehen. “Zu gefährlich”, erzählt er. “Jeden Tag wurden Kinder und Jugendliche entführt. Immer wieder kam es zu Schüssen auf der Straße oder Bomben explodierten!”

Nadim arbeitet jetzt, um seine Familie finanziell zu unterstützen, denn das Geschäft mit der Metzgerei seines Vaters musste dem Krieg weichen. Er repariert Fahrräder. Gut ein Jahr lang, bis er in einer Bäckerei zu arbeiten beginnt. Nachts, wenn seine Geschwister zu schlafen versuchen, steht er auf, um arbeiten zu gehen. Bis zu dem Tag, der alles verändern sollte – der Tag der Flucht. Von jetzt auf gleich fort.

Und jetzt sitzt er in der 8. Klasse – weil er das entsprechende Alter hat. Ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, was er da soll. Er zieht es durch, lernt so gut er kann. Weiß mittlerweile, dass er in Deutschland einen guten Schulabschluss braucht. Mit dieser Erkenntnis wächst jedoch auch der Druck. Seitens seiner Eltern, die sich nichts mehr wünschen, als dass Nadim später einen guten Job findet. Schließlich haben sie alles aufgegeben, um ihren Kindern das Leben zu retten und ein besseres Leben zu ermöglichen. Seitens der Lehrer, die ihn schnell gut integriert sehen wollen.

Unsererseits, da wir wissen, wie schwer die deutsche Sprache sein kann und wie wichtig diese für ihn ist. Doch man vergisst die Geschichten einfach zu schnell und baut Druck auf, wo keiner hingehört – erkennt Gefühlslagen nur bedingt. Wenn der Kopf voll mit Erinnerungen und Zukunftsängsten ist, wenn Heimweh einen überkommt und wenn man nicht darüber sprechen kann – wie soll man sich dann aufs Deutschlernen und auf die von der Gesellschaft geforderte Integration konzentrieren? Apropos Gesellschaft: Es entgeht Menschen aus Syrien, Afghanistan und Co. nicht, wie sich der gesellschaftliche Gemütszustand in Deutschland verändert. Ganz im Gegenteil!

Er lässt es sich nicht anmerken. Seine Überforderung. Seine Angst zu versagen. Seine gefühlte Perspektivlosigkeit. Nach außen hin spielt er den Starken, zeigt sich cool – doch innerlich wächst das Gefühl der Machtlosigkeit.

Flucht ins Ungewisse

Inzwischen habe ich mich mit der Familie angefreundet, unterstütze sie bei vielen Dingen – erkläre Briefe, gehe mit zum Jobcenter. Via WhatsApp, persönlich – wann immer sie sich melden. Oft werde ich zum Essen eingeladen. Sehe eine ruhige, glückliche Familie, die noch etwas Schwierigkeiten hat, sich in der deutschen Sprache zu verständigen. Sie wünschen sich sehr, die deutsche Sprache zu meistern – daher freuen sie sich immer, wenn sie mit mir Deutsch sprechen und damit ihre Sprachkenntnisse verbessern können. Dafür reichen VHS-Kurse bei Weitem nicht aus.

Immer mehr scheinen sie mir zu vertrauen, denn nach und nach erzählen sie mir von ihrem Leben in Syrien, von den Problemen im Bürgerkrieg, von ihrer politischen Einstellung und von ihrer Flucht. Nadim übersetzt oft und erzählt auch selbst. Jedes Mal fahre ich wie gelähmt nach Hause und denke bis in die Nacht darüber nach. Was, wenn uns das passieren würde? Was, wenn meine Kinder jemals in eine solche Situation kämen? Wir halten die Jugendlichen das nur aus?

Naja, insgeheim. Denn viele Jugendliche sind es nicht gewohnt, ihre Gedanken oder auch Ängste mitzuteilen. In den Familien wird häufig nicht mehr darüber gesprochen. Sie fressen es in sich hinein – und kompensieren über Albträume, Angstzustände und Co. Einmal, so erzählt mir die Familie, habe sie sich im Keller versteckt, als es einen Stromausfall im Haus gab – zu groß war die Angst, dass der Krieg sie auch hier einholt.

Auch Schnipsel der Flucht erzählen sie mir – diese zusammenzusetzen gelingt nur schwer, bis Nadim mir irgendwann von seinen Erlebnissen auf der Flucht erzählt. Das Puzzle fügt sich und ich verstehe mehr und mehr:

Immer wieder kamen Leute auf Motorrädern oder in Autos und warfen Tüten auf die Straße – da waren Bomben drin. Einmal, Kinder spielten auf der Straße, wurde eine Tüte mitten auf die Straße geworfen. Wir mussten alle ins Haus rennen. Die kurdische Polizei kam mit Waffen und schoss auf die Tüte, damit diese sozusagen kontrolliert explodiert. Irgendwann sollte mein Vater in den Krieg gehen – einen Tag später verließ er die Stadt. Wir blieben noch ungefähr zwei Monate in der Stadt. Dann folgten wir meinem Vater – ich musste alleine mit meiner Mutter und meinen kleineren Geschwistern los.

Um in die Türkei zu kommen, mussten wir über Berge und durch Flüsse gehen. Ich hatte eine Tasche auf dem Rücken, eine Tasche in der Hand und mein kleinster Bruder saß auf meinen Schultern. Nachts kam ein Taxi, welches uns zu einem Haus in den Bergen fuhr. Da waren ein paar Frauen – für die Frauen unter den Menschen. Damit meine Mutter keine Angst bekommt zum Beispiel. Zwei Stunden später ging es von dort aus weiter mit dem Auto den Berg wieder runter bis zu einem Punkt, an welchem uns die Leute sagten, dass sie ab dort nicht mehr weiterfahren können. Ab da mussten wir laufen. Wir sollten einem Mann mit einem Hund folgen – berghoch (es war sehr schwer für meine Mama), bergab. Immer wieder. Nach einer Minute Pause mussten wir weiter. Circa einen Kilometer hinter uns war die türkische Polizei mit Waffen. Es war kalt, sehr kalt. Wir durften kein Licht machen, um nicht aufzufallen. Und wir mussten leise sein. Ich hatte meinen kleinsten Bruder auf den Schultern und immer noch die Tasche auf dem Rücken – wollte geradeaus laufen, als mich plötzlich meine Mutter an der Tasche zurückzog. Vor uns war ein tiefer Abhang. Hätte sie uns nicht zurückgezogen, wären wir den Berg herunter gefallen – mein kleiner Bruder und ich! Der Berg war nass – immer wieder rutschte ich aus. Manche verloren ihre Taschen, weil sie den Berg herunter fielen. Meine Schuhe gingen kaputt, so musste ich barfuß weiterlaufen.

Vier bis fünf Stunden liefen wir. Es war etwa 7 Uhr morgens, als wir in einem Dorf ankamen. Von dort aus brachte man uns in eine Stadt. Dort setzten sie uns an einem Spielplatz ab – dort waren viele Leute. Sehr viele Leute. Wieder mussten wir bis abends warten, bis zur Dunkelheit. Später kam ein Lkw (so ein kleiner 7-Meter Lkw) – 70 Leute wurden da rein gepackt. Viele Kinder – das waren viele, viele Kinder. Viel zu viele. Es war so eng – unsere Füße wurden taub. Wir spürten unsere Beine nicht mehr. Angekommen im Nirgendwo sagte uns der Lkw-Fahrer, dass wir dort auf einen anderen Lkw warten sollten – wir würden abgeholt. Wir wussten nicht, wo wir sind – es war ein Platz im Nirgendwo. Und überall waren Bienen – sie stachen uns. Etwa vier Stunden später kam der Lkw. Der Fahrer schrie uns auf Türkisch an – wir verstanden nichts, aber wussten, dass er uns meinte. Alle gingen in den Lkw – der brachte uns zum Meer. Die bewaffneten Leute, die uns von A nach B gebracht hatten, stiegen aus und zwangen uns, dort auf den nächsten Tag zu warten. Wir sagten, dass wir seit morgens noch nichts gegessen oder getrunken haben. Dass wir nicht mehr können. Die Antwort: “Ja, da habt ihr Pech. Warum habt ihr euch nichts mitgenommen?”
Später kam ein Mann, der konnte ein wenig Arabisch – er sah die Kinder und sagte zu den anderen bewaffneten Männern, dass sie mindestens für die Kinder etwas holen sollten. Er holte dann 15 Stücke Brot – wir aßen ein bisschen. Aus dem einen Tag Wartezeit wurden vier Tage! Wir schliefen alle in einem kleinen Raum, aneinander gepfercht. Ich, ohne Schuhe.

Zwei Uhr nachts, wie schliefen, kamen sie uns weckten alle auf. “Steht auf, steht auf – wir müssen weiter!” Wir wussten nicht, was los ist – erst dachten wir, es sei die Polizei. Wir wurden ans Ufer gebracht. Dort stand ein Boot. Sie sagten, dass einer von uns das Boot fahren müsse – ein Mann, alleinstehend und ohne Familie, sagte ja und übte dann zwei Runden auf dem Meer. Eine schwere Entscheidung, weil dieser Mann die Verantwortung für uns alle hatte. Wir alle standen am Ufer und warteten. Manche Leute wollten nicht mehr – einige sagten: “Wir wollen zurück!” Sie befürchteten, dass sie auf der Flucht ihr Leben lassen würden. Doch die bewaffneten Männer sagten: “Wenn ihr jetzt nicht fahrt, werdet ihr umgebracht!” Wir hatten keine Chance, aufzugeben und zurück nach Syrien zu gehen. Wenn man einmal raus ist, muss man es durchziehen!

Mir schießen etliche Kommentare im Social Web durch den Kopf – allesamt getreu dem Motto: Die Leute wissen doch, in welche Gefahr sie sich bringen. Warum tun sie es dann? Und, und, und.
Hier ist die Antwort: Wenn du einmal raus bist, musst du es durchziehen! Die Männer mit den vielen Waffen lassen nicht zu, dass du zurück gehst. Eher wirst du erschossen!

Auf einmal stand ein Mann mit seiner Pistole vor mir, zog mich auf das Boot und sagte: “Jetzt rein da!”. So ein Mann, den wir nicht kannten – aber mit dem wir von Anfang an zusammen waren, nahm direkt meine Hand und sagte: “Ich bin bei dir – hab´ keine Angst!”. Ich saß ganz vorne mit diesem fremden Mann – meine Mutter und meine Geschwister saßen ganz hinten im Boot! Mittlerweile hatten wir nur noch zwei kleine Taschen mit – alle anderen mussten wir unterwegs irgendwo zurücklassen. Wir konnten nicht alles mitnehmen. Ungefähr 60 Leute waren wir in diesem kleinen Boot. Wir mussten in die Richtung des an- und ausgehenden roten Lichtes fahren. Wir sahen nichts, es war sehr dunkel, nur die roten Lichter konnten wir immer wieder flackern sehen. Mitten auf dem Meer ging das Boot kaputt – auf einer Seite war ein riesiger Riss. Das Wasser kam rein. Die Leute auf dem Boot schrien vor Angst – die Kinder weinten. Es gab kleine Eimer auf dem Boot – die Schleuser wussten, dass das Boot kaputt geht. Die Leute versuchten, dass Wasser mit den Eimern aus dem Boot herauszubekommen.
Hohe Wellen folgten. Wir konnten fühlen, wie das Boot hoch und runter ging. Die Menschen wurden langsam verrückt. Paranoia. Zum Glück schafften wir es trotzdem.
Angekommen, gab es Leute am Strand, die uns sozusagen in Empfang nahmen. Sie winkten und zeigten uns die Richtung.
Wir wussten nicht, wo wir hingehen sollten. Eine Familie mit einem Auto mit Ladefläche, musste in die Stadt und nahm uns mit. Angekommen in der Stadt waren schon viele, viele Leute dort. Alle warteten auf einen Bus, der einen ins Camp fahren sollte – so auch wir. Drei Tage. Irgendwann waren wir dran – im Camp angekommen, wurden wir registriert.

Aber da waren so viele Leute, dass wir bestimmt einen Monat hätten warten müssen, bis wir an der Reihe gewesen wären. Irgendwann durchbrachen die Menschen die Zäune und wollten zu Fuß laufen. Die Polizei kam und sagte: “Wenn ihr laufen wollt, dann lauft!”
Wir sollten dort warten – wieder auf die Weiterreise. Von dort aus ging es auf einem Schiff aufs Festland. (Anmerkung: Griechenland)
Viele, viele Leute liefen los. Wir liefen, liefen und liefen. Ich weiß gar nicht, wie viele Tage wir gelaufen sind. Wir konnten nicht mehr. Mama konnte nicht mehr laufen, meine Geschwister auch nicht mehr. Wir hatten Taschen. Ich konnte auch nicht mehr. Also blieben wir stehen. Irgendwann waren alle anderen Menschen weg – wir standen alleine auf der Straße.

Eine Frau kam mit einem Bulli – sie stoppte und wollte uns helfen. “Kommt, kommt!”. Plötzlich kam die Polizei, stoppte und sagte: “Du darfst sie nicht mitnehmen!” Die Frau guckte uns an, zuckte mit den Schultern und fuhr weiter. Ein paar Minuten später kam ein anderes Auto – ich glaube, das war ihr Mann -, um uns abzuholen. Der Mann weinte im Auto – er sagte: “Was machen die mit euch?”. Wir fuhren wieder in ein Camp. Dort bekamen wir Klamotten, Jacken. Ich bekam Schuhe!

Zwischenzeitlich war mein Vater in Deutschland angekommen. Er verfolgte die Nachrichten rund um die Balkanroute und sagte irgendwann zu uns: “Wartet nicht – geht JETZT weiter!”
Wir verließen das Camp, nahmen uns ein Taxi und sagten: “Nach Deutschland!” Das war richtig teuer, richtig teuer. In Deutschland angekommen, fuhren wir mit dem Zug weiter – bis nach Dortmund. Dort holte uns mein Vater ab – kurze Zeit später meldeten wir uns bei der Polizei an.

All dies prägt. Schürt Angst. Bleibt im Kopf!

Solche Dinge zu erleben, war schon schlimm – aber wo ich gesehen habe, dass meine kleinen Geschwister so viel laufen mussten, dass meine Mutter nicht mehr konnte und viel weinte, das war schlimmer! Mein kleinster Bruder schlief immer wieder auf meinen Schultern ein, so müde war er.
Wir konnten nicht schlafen, weder Tag noch Nacht. Beim langen Laufen machten wir immer wieder kurze, einminütige Pausen. Ich habe direkt die Augen geschlossen und gepennt. Aber eben nur eine Minute. Drei Tage waren wir ohne Essen und ohne Trinken. Das war sehr schwer!
Mein anderer jüngere Bruder konnte seine Gedanken nicht halten – er sagte: “Warum sind wir eigentlich hier hin gekommen? Warum sind wir nicht einfach in Syrien gestorben? Wäre besser!”

Gänsehaut – kenne ich natürlich auch den Bruder, der diese Worte ließ. Zu erfahren, was in diesem jungen Kopf vorging, erschüttert.

Anfangs lebten wir im Asylheim in einer anderen Stadt – dann hier. Nachts, wenn es dunkel war und wir eigentlich schlafen sollten, kamen diese Erinnerungen hoch. Manchmal kamen diese Gefühle wieder – diese Kälte. Manchmal erschrak ich auch – ich hatte das Gefühl, dass ich den Berg runterfalle. Ich hatte auch Angst vor dunklen Räumen.

Integration – auf und ab

Je nachdem, wie Erlebnisse verarbeitet werden, wie sie sich in das neue Leben in Deutschland einfügen, gelingt eine Integration – oder eben nicht.

Nadim verändert sich. Fehlt manchmal in der Schule. Missachtet Regeln. Er trifft sich mit Jugendlichen, die wir als “falsche Freunde” bezeichnen würden. Gerüchte flattern uns durch Mitschüler zu – was stimmt? Was nicht?
Wir scheinen ihn “zu verlieren”. Und er ist nicht der Erste. Aber mir sind er und seine Familie ans Herz gewachsen.

Ein Tag wie jeder andere – meine Kollegin und ich sind auf dem Weg in den DaZ-Raum, als plötzlich Nadims Bruder vor uns steht: “Haben Sie das mit der Schlägerei gehört? Mein Bruder ist verletzt. Er kommt heute nicht zur Schule!”

Noch am selben Tag fahre ich hin. Ich weiß noch genau, wie ich dem Vater sagte: “Ich komme nicht als Lehrerin, sondern privat”, und “Egal, was ich jetzt sage, nimm’ es mir nicht übel, ich meine es gut!”
Kurz danach sitzt Nadim vor mir und erzählt mir von dem Konflikt. Genährt durch gegenseitiges Pushen, ausgeartet durch jugendlichen Leichtsinn. Standpauke. Klartext!
Ich zeige ihm die möglichen Konsequenzen auf und die allgemeine Resonanz dieses Vorfalls – denn etliche Medien stürzten sich darauf. “Massenschlägerei” hieß es – in den Medien und auch auf Facebook. Unter den Beiträgen häuften sich die Kommentare derjenigen, die ein solches Verhalten verurteilen. All diese Kommentare lese ich ihm vor. Die hasserfüllten, abwürdigenden und teils unter die Gürtellinie fallenden Kommentare lasse ich bewusst weg und erwähne nur kurz, dass das ein gefundenes Fressen für ebensolche Leute ist. Auch in Arnsberg!

Pädagogisch sinnvoll? Wohl kaum! Menschlich? Ich finde schon! Denn ich wollte ihm zeigen, wie schnell eine persönliche Auseinandersetzung zu einer medialen Ausschlachtung führen kann. Tage später revidieren einige Medien ihre zerreißenden Headlines und erweitern ihre Berichterstattung dahingehend, dass es keine Massenschlägerei war, sondern ein ausgearteter Streit zwischen zwei Jugendlichen. Was das nun für ihn persönlich heißt, kann ich nur ansatzweise erläutern, denn wer weiß schon, ob ich nun wirklich alles weiß!?
Glücklicherweise soll sich später herausstellen, dass es nicht auf Nadims Mist gewachsen ist – sein Führungszeugnis ist und bleibt lupenrein.

Mittlerweile ist er 17 Jahre alt. Hochschauen, um ihm in die Augen sehen zu können, muss nun ich! Er hat sich nach mehreren Praktika in einer Autowerkstatt dazu entschieden, ein Langzeitpraktikum zu machen. Wir merken, dass er es ernst meint und einen guten Schulabschluss machen möchte. Die Autowerkstatt ist so begeistert von seiner Arbeit, dass sie ihm gerne einen Ausbildungsplatz anbieten möchte – doch die Zentrale hat andere Pläne. Und so kommt es, dass Nadim im Januar 2019 immer noch ohne Ausbildungsplatz für August 2019 ist. Etliche Wochen und Bewerbungen vergehen. Eine Situation, die ihm sichtlich an die Nerven geht. Er hat Angst, keinen Ausbildungsplatz zu haben, wenn er 18 Jahre alt wird. Was passiert dann? Was sagt die Ausländerbehörde dann? Und das BAMF erst? Wieder erreichen uns die verschiedensten Gerüchte über ihn – richtig oder falsch? Er darf jetzt nicht aufgeben – es sind nur noch zwei Monate bis zu seinem Schulabschluss! Ich bin zuversichtlich, lasse meine Kontakte spielen und schaffe es letztlich, dass er in zwei Betrieben zur Probe arbeiten darf. Auch hier zeigt er, dass er ein sehr zuverlässiger und aktiver Arbeiter ist, so dass er am Ende in beiden Betrieben die Möglichkeit hat, eine Ausbildung zu beginnen. Er entscheidet sich für eines der beiden renommierten Betriebe und absolviert sogar einen Einstellungstest – mit gutem Ergebnis. Endlich läuft es. Seinen Hauptschulabschluss hat er jetzt in der Tasche! Wenige Tage später unterschreibt er den Ausbildungsvertrag.

Geschafft!

Naja – ihm bleibt auch keine andere Chance! Denn zurück nach Syrien können er und seine Familie nicht. Gegen seinen Vater erging ein Haftbefehl, nachdem er floh und dementsprechend als Kriegsverweigerer gilt. Auch Nadim selbst hat, so Verwandte in Syrien, einen “Einberufungsbescheid” erhalten. Beiden droht Gefängnis, wenn sie zurückkehren – und wer weiß was noch!?

Vor wenigen Wochen begann Nadim seine assistierte Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in einer renommierten Werkstatt – schon bald besucht er die Berufsschule. Glücklicherweise hat er im Betrieb bereits einen Kollegen gefunden, der ihn vor Ort unterstützt. Bald wird Nadim 18 Jahre alt – er denkt über die Einbürgerung nach. Ich bleibe dran!

Ist Nadim integriert? Ja, das ist er! Und dennoch wird der “persönliche Kampf” immer weiter, weiter und weiter gehen. Ich bin weiterhin für ihn und seine Familie da – heute, morgen, übermorgen.

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