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Spürbar. Anders. Die Regale sind aufgefüllt, die Frischetheke ebenso. Ich bekomme also alles, was ich möchte. Aufs Klopapier achte ich gar nicht. Wir haben noch. Das Nudelregal jedoch fällt mir auf. Nicht, weil es wie immer seit Tagen leer ist, sondern, weil dort zwei fette rote Zettel hängen: Nudeln wurden leider nicht nachgeliefert, wir bitten um Ihr Verständnis. Ist es soweit? Gehen uns nun dank der sinnlosen Hamsterkäufe die Grundnahrungsmittel aus? Nein, ich denke nicht! Anders als sonst ist es allemal. 

Spürbar. Anders. An der Kasse halte ich den empfohlenen Abstand ein, habe jedoch Glück, dass im Moment meines Eintreffens eine weitere Kasse geöffnet wird. Direkt kann ich meine paar Einkäufe aufs Band legen. Hinter mir eine Dame, der die Markierungen zur Abstandshaltung auf dem Boden auffallen. Smalltalk mit zwei Wagenlängen Abstand: Sie scheint der gefährdeten Gruppe anzugehören, leidet an einer chronischen Lungenerkrankung. Allerdings, so sagt sie, muss sie raus – sie habe niemanden, der sie unterstützen könnte. 

Schnell erzähle ich ihr von der Hotline der Stadt Arnsberg – die Hotline, die man unter anderem anrufen kann, wenn man Hilfe braucht: 201-1102. 

Wie immer möchte ich meinen Wagen ums Eck an die Kasse anlegen. Doch es hindert mich etwas daran – eine Palette, die dafür sorgen soll, dass man der/dem Kassierer/in nicht zu nahe kommen kann. “Oh, sorry”, flüstere ich, während ich den Wagen zurückziehe. “Kein Problem. Alles gut!”, höre ich. Verständlich, absolut – aber komisch. Sehr komisch. 

Spürbar. Anders. Ich verlasse den Laden mit einem Blick in alle Richtungen. Noch nie habe ich so genau geschaut, wer um mich herum läuft, wer mir entgegenkommt. Hätte ich nicht so genau geschaut, wäre mir die alte Dame mit der Maske sicher nicht aufgefallen. Das erste Mal, dass ich persönlich eine solche Maske live sehe (was vielleicht auch daran liegt, dass ich seit Samstag mit meinen Kindern durchweg zu Hause sitze und das Haus nur verlasse, um einkaufen zu gehen).

Die betagte Dame scheint mich nicht wahrzunehmen – vielleicht starrt sie auch nur so nach vorne, weil sie sich mit dieser Maske selbst ein wenig bescheuert fühlt. Keine Ahnung. Sie hält sich am Wagen fest, ist wackelig auf den Beinen und ich denke nur: Hoffentlich will sie keine Nudeln kaufen. 

Spürbar. Anders. Ich möchte noch ein paar Brötchen kaufen. Keine da, was aber nichts Besonderes ist um diese Uhrzeit. Besonders ist vielmehr, dass es auch hier nun Markierungen auf dem Boden gibt sowie ein fettes Schild, auf dem entsprechende Hinweise stehen. Vor und hinter mir eine Menge Platz. Fühlt sich irgendwie komisch an. 

Spürbar. Anders. Es ist ein wirklich sehr komisches Gefühl, diese Sicherheitsabstände via Zwang einhalten zu müssen. Sich zwangsweise nicht in die Nähe anderer Menschen zu begeben. Irgendwie auch als Gefahr wahrgenommen zu werden. Die letzten sieben Tage bin ich freiwillig und ungezwungen zu Hause geblieben und nur zum Einkaufen raus gegangen. Und das, während viele andere Menschen sich einen Dreck um das scheren, was die Kanzlerin in ihrer außergewöhnlichen Ansprache an alle Bürger und Bürgerinnen Deutschlands gesagt hat. Ihrer Bitte, sich eben gemeinsam solidarisch denjenigen gegenüber zu verhalten, denen das Virus gefährlich werden kann, und das Haus nur zu verlassen, wenn dies wichtig ist, kommen etliche Menschen nicht nach. Stattdessen feiern sie in Parks, gehen (aufgrund geschlossener Spielplätze) mit ihren Kindern in den Solepark am Nass und treffen sich ungeniert mit Freunden im Freien. 

#ichbleibezuhause, um nicht auch in diesem Zusammenhang noch Zwang zu verspüren. Um eine Ausgangssperre zu vermeiden. Wie SPÜRBAR ANDERS wird sich eine solch drastische Maßnahme wohl anfühlen? 

Die einzige Möglichkeit, dieses Gefühl nicht kennenzulernen ist: #BleibtZuhause. 

Ich befürchte jedoch, dass wir uns diese Frage am Wochenende selbst beantworten können – leider!