Herz vs. Verstand

Alle freuen sich darüber, dass Aristoteles, der große Bruder zweier unserer Schüler, voraussichtlich ab August eine Ausbildung in einem renommierten Autohaus machen kann. Mama, Kinder, Oma – alle glücklich und stolz. So auch John (Dolmetscher und Freund der Familie) und wir. Nur Papa macht einen sehr nachdenklichen Eindruck. Es scheint ihm kein Lächeln über die Lippen kommen zu wollen. Kein Wunder, weiß er doch, dass die Familie bis dahin vielleicht gar nicht mehr in Deutschland sein wird.

Es sind Geschichten wie diese, auf die wir uns offensichtlich einstellen müssen – denn nach fast zwei Jahren mit internationalen Schülern werden wir nach und nach mit Bamf-Bescheiden, Gerichtsurteilen und eben auch Überstellungen in ein anderes EU-Land konfrontiert.

So auch diesmal.

Wir erinnern uns noch ganz genau an den ersten Tag mit Denzel und Deusa im Juni 2017 – schüchtern und mucksmäuschenstill betraten sie unseren DaZ-Raum. Wir staunten nicht schlecht, als sie sich in einem einwandfreien Deutsch vorstellten und erzählten, woher sie kommen. “Wir sind Denzel und Deusa, elf Jahre alt und kommen aus Angola”. Gelernt haben sie die deutsche Sprache bereits aus eigenem Engagement heraus – um in der ZUE keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Seitdem sitzen die beiden Tag für Tag in der Schule, fehlen nie und lernen wie zwei Weltmeister Deutsch. “Was heißt…?”, ist eine der Fragen, die sie am liebsten stellen. Neugierig und offen kleben ihre Augen an unseren Lippen, wenn wir neue Wörter einbringen oder grammatikalische Phänomene aufklären.

Sie lieben Witze und Redensarten – besonders, wenn diese Wendungen für sie völlig neu sind. “Mir ist das Herz in die Hose gerutscht” oder “Ich habe die Nase voll” tauchen so natürlich auch im Alltag gerne mal auf – auf ironischem Weg. Auch Aktivitäten liegen ihnen – so trommeln sie in der Trommel-AG, spielen Blockflöte und kochen jeden Freitag internationale Gerichte. Denzel spielt Fußball – sowohl an der Schule beim DFB-Auswahltraining sowie beim SC Neheim.

Kurz: Denzel und Deusa gehören zu den Schülern, die einem das Herz aufgehen lassen, wenn sie den Klassenraum betreten. Immer freundlich, hilfsbereit und gut gelaunt.

“Wenn nicht sie, wer dann?”
Doch dies soll sich nun ändern – vielleicht können sie unsere Herzen schon bald nicht mehr aufgehen lassen. Vielleicht müssen wir uns und auch die Schüler/innen sich bald von ihnen verabschieden. Denn ihre Familie soll nach Portugal – dort ein Asylverfahren durchführen. Grundsätzlich kein Problem – wäre da nicht die Angst, von dort aus innerhalb eines sogenannten “Beschleunigten Verfahrens” ohne Chance auf Erklärungen wieder zurück nach Angola zu müssen. Wir kennen die deutschen Gesetze, die Möglichkeiten, die Grenzen und wissen, dass wir uns früher oder später auch von liebgewonnenen Menschen verabschieden müssen. Aber nicht so! Nicht ohne die Gewissheit, dass es ihnen gut gehen wird und sie geschützt werden! Und vor allem: Nicht ohne zu verstehen, wie ihre Oma, eine fast siebzigjährige Frau, sich hier in Deutschland ohne ihre Familie integrieren soll. Denn sie kann ihr Asylverfahren in Deutschland durchführen lassen. Sie floh, weil die Familie sie aufgrund der Vorkommnisse nicht allein in Angola lassen wollte. Nun sollen sie sie hier allein lassen?

Innerhalb von knapp sieben Monaten sprechen vier der fünf Kinder nahezu flüssig Deutsch, Papa Joao besucht freiwillig einen Deutschkurs und Mama Nazare kümmert sich um den Kleinsten und Oma.

“Es trifft immer die Falschen” oder “Wenn nicht sie, wer dann?” sind Kommentare, die wir immer wieder hören, wenn wir darüber sprechen. “Warum darf eine Familie, die sich so gut integriert, nicht bleiben?”

Der Verstand klärt auf: Weil es das Gesetz so vorsieht.

Doch das Herz sieht es ein wenig anders! Denn gem. Artikel 17 der Dublin III-Verordnung kann ein Mitgliedstaat der EU auch dann den Antrag auf internationalen Schutz prüfen, wenn er gar nicht zuständig ist.

Ende des Monats werden wir sehen, ob das Herz trumpfen kann – oder eben doch der Verstand!

Nachtrag: Das Herz trumpft – nun steht das Asylverfahren auf der Agenda.

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