„Ich habe nie auf meiner Stirn Hörner gesehen!“

Sally Perel, alias Hitlerjunge Salomon, richtet wachrüttelnde Worte an die Schüler/innen des Gymnasiums Laurentianum Arnsberg

Die Rassenkunde lehrte der Hitlerjugend, dass die Nazis „das Gute“ und die Juden „das Böse“ auf der Welt darstellen würden – jeder Jude verkörpere den Satan auf Erden. „Damit war ich nicht einverstanden. Ich habe nie auf meiner Stirn Hörner gesehen! Ich war mir sicher, dass ich kein Satan bin. Aber der Rest klang so überzeugend, so wirtschaftlich bewiesen, dass ich keine Zweifel an der Richtigkeit hatte“, erzählt Sally Perel, alias, Hitlerjunge Salomon, den jugendlichen Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums Laurentianum Arnsberg in der KulturSchmiede.

Als ich den gefüllten Saal in der KulturSchmiede betrete, hat die Veranstaltung bereits begonnen. Etliche Schüler und Schülerinnen lauschen gespannt den Erzählungen Sally Perels, der sich selbst als „Mann mit zwei Seelen“ bezeichnet. Denn er ist Jude und zugleich Hitlerjunge. Er habe sich seinerzeit sogar mit der nazistischen Ideologie identifiziert. „Mein ganzes Leben lang musste ich mich damit auseinandersetzen. Tief im Unterbewusstsein. Es ist ein nicht wieder gut zu machender Schaden entstanden. Ich bin dauernd mit mir im Dialog. Denn ich kann nicht loslassen. Dieser Konflikt wird mich bis zum Ende begleiten!“, sagt Sally Perel. Es herrscht Totenstille – die bedrückten Gesichter, die Stille und auch die Stimme auf der Bühne erinnern mich an das vergangene Jahr. Denn er ist bereits zum zweiten Mal in Arnsberg, um seine Biografie vorzustellen, um sein Leben darzustellen, um an die Jugend zu appellieren.

Sally Perel ist 91 Jahre alt und einer der letzten Zeitzeugen auf der Welt. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die die Hitlerzeit erlebt, geschweige denn den damaligen Führer persönlich gesehen haben. Und genau deshalb reist er auch in hohem Alter noch durch die Welt, um seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte eines jüdischen Jungen, der zu Beginn des Judenhasses gerade einmal 10 Jahre alt war. Eines Jungen, der aus seiner Heimat, Deutschland, flüchten musste und hinterher als „Hitlerjunge Salomon“ lebte, weil Nazis ihn sonst getötet hätten. Jude sein – das bereits reichte, um getötet zu werden. „Solange mich meine Schuhe tragen, werde ich berichten!“

„Die Schreie dieser Kinder aus der Asche höre ich bis heute“

1,5 Millionen Kinder wurden getötet und verbrannt. Die Schreie dieser Kinder aus der Asche höre ich bis heute“, sagt Sally Perel mit geneigtem Blick. Zwar sei er selbst nicht dabei gewesen, dennoch brannte sich die später erworbene Erkenntnis in seinem Gedächtnis ein. Regelrecht selbst vorwerfend: „1,5 Millionen Säuglinge und Kinder sterben – und ich schreie „Sieg Heil!“

Als er nach dem Krieg nach Auschwitz reiste, sah er noch die Haarsträhnen der Kinder neben den kleinen Schühchen. Auch heute noch empfiehlt er, einmal in seinem Leben nach Auschwitz zu reisen, um die Geschichte der NS-Zeit zu verstehen – das menschliche Leid, die Unmenschlichkeit, die Warnung!

Hitler habe immer gesagt, was er will. „Ich strebe zur totalen Ausrottung des Judentums“, habe es sowohl in seinem Buch wie auch in den darauffolgenden Reden geheißen. Alle hätten gehört, was er vorgehabt habe. Und dennoch sei er von allen gewählt worden.

„Ich rufe euch alle auf, egal wo, alles zu tun, damit sich das in Deutschland nie mehr wiederholt. Nicht für die Juden, sondern für das Schicksal aller Jugendlichen!“, appelliert Perel an die Schüler und Schülerinnen. Auch heute gebe es wieder Leute, die mit den gleichen Parolen auf die Straße gehen würden. Daher nutze er jede Gelegenheit, um die Jugend mit den Tränen der in Auschwitz getöteten 1,5 Millionen Kinder zu impfen! „Gegen die braune Gefahr, die so frech Heime anzündet“, sagt er.

Alles tun, damit dieser Ungeist wieder aus Deutschland verschwindet

In der NS-Zeit sei es um Volksgemeinschaft gegangen. Einzelne Menschen wären nichts wert gewesen. Es sollte lediglich die Pflicht eines Jeden sein, gesund zu bleiben. Der Körper gehörte Hitler!

Doch wie ist es den Nazis gelungen, die intelligente Jugend so zu manipulieren? Es seien Opfer gebracht worden. Hitler habe keine kritisch denkende Jugend gewollt. Daher seien alle Vereine und Verbände verboten worden. Lediglich die Hitlerjugend gab es. Wer also „dabei sein wollte“, musste in die Hitlerjugend. Von Hitlers militärisch-psychologischen Machenschaften ist Deutschland heute befreit. Vom Geist nicht! Daher müsse die Jugend von heute alles tun, damit dieser Ungeist wieder aus Deutschland verschwinde.

„Seid kritisch. Glaubt nicht alles, was man euch erzählt.“, lautet der Appell an die Jugendlichen in der KulturSchmiede. Es sei die Pflicht einer jeden Schule, ihre Schüler und Schülerinnen zu kritischem Denken und Hinterfragen zu erziehen.

Die Schüler und Schülerinnen des Laurentianum Gymnasiums zeigen sich am Ende des Vortrags bedrückt. Nur mit schwacher Stimme stellen sie Sally Perel ihre Fragen. Ein Schüler möchte beispielsweise wissen, wie er nach dem Krieg mit seiner inneren Zerrissenheit leben und nicht verzweifeln konnte. „Ich traf einen Juden. Das erkannte ich daran, dass er die `gelbe Plakette´ trug. Doch als ich mit meiner Hitlerjugend-Uniform vor ihm stand und ihn fragte, ob er ein Jude sei, ließ er mich am Straßenrand stehen. Das tat mir sehr weh! Ich musste etwas tun und so ging ich ihm nach und sagte zwei Worte. Worte aus dem heiligsten jüdischen Gebet. Höre Israel. Daraufhin drehte er sich um und schaute mich an. Ja – ich bin auch Jude. An diesem Tag sagte ich zum ersten Mal meinen richtigen Namen!“, antwortete Perel.

Eine weitere Schülerin fragte interessiert, ob niemals Rachegelüste aufgekommen wären. Er antwortet klar und deutlich: „Ich hasse nicht. Hass ist ein schlechter Begleiter des Menschen. Hass schürt Gewalt!“

Oft passiere es ihm auch, dass Schüler/innen ihn unter Tränen um Verzeihung bäten. Doch seine Botschaft sei eine ganz andere: „Ich komme nicht hierher, um euer Gedächtnis zu beschweren. Um euch Schuldgefühle zu machen. Ich habe der deutschen Jugend nichts zu verzeihen. Schuld erbt man nicht. Aber ihr werdet euch schuldig machen, wenn das alles nochmal passiert. Nicht wegschauen. Hinschauen!“

Was macht er, wenn er einmal einem rechtsradikalen Schüler gegenüber steht? Ob er es nun weiß oder nicht. „Ich hoffe, dass dieser Schüler fühlt, dass die Worte aus dem Herzen kommen und sie ihn in seinem Herzen treffen. Damit er aus dem braunen Sumpf aussteigen kann. Wenn ich auch nur einen Schüler überzeuge, habe ich meine Pflicht erfüllt!“

„Ihr seid jetzt auch Zeitzeugen – geht raus und erzählt die Geschichte!“, heißt es auch in diesem Jahr sinngemäß zum Abschluss der Veranstaltung.

Wer ist Sally Perel? Weiterführende Informationen:

Hitlerjunge Salomon: Sally Perel erzeugt Bilder im Kopf

Sally Perel, geboren in Peine

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