Inklusion bedeutet Normalität

Lebenshilfe Center Arnsberg begleitet junge Menschen mit geistiger oder körperliche Behinderung in die Kinderstadt Arnsberg

“Musik ist mein Leben – ich war auch Sängerin in der Schulband meiner Schule”, erzählt Jennifer. Das merkt man. Sobald Musik ertönt, tanzt sie. Anders. Aber sie tanzt. Sie bewegt ihren Oberkörper, hüpft auf und ab. Sie lacht und dreht sich im Kreis. Ihre schulterlangen Haare wirbeln umher. Doch ihre Beine bewegen sich nicht. Keinen Zentimeter. Jennifer sitzt im Rollstuhl!

Inklusion ist ein Thema in der Kinderstadt Arnsberg. Denn seit 2015 nehmen auch Jugendliche mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen teil – gemeinsam mit ihren Betreuerinnen des Lebenshilfe Centers Arnsberg. Der Kontakt kam damals durch Michael Voss, Mitorganisator der Kinderstadt, zustande. “Eigentlich habe ich wegen meiner Schwester, Cornelia, Kontakt aufgenommen, weil das Lebenshilfe Center in unserer Wohnnähe ist”, erzählt er. Seine Schwester ist 60 Jahre alt und auf dem geistigen Stand einer etwa Zwölfjährigen. “Da habe ich dann erfahren, dass die Lebenshilfe auch mit Kindern bzw. Jüngeren arbeitet”. Seinerzeit habe das Lebenshilfe Center gar nicht gewusst, dass es die Kinderstadt Arnsberg gibt.

Es gibt wichtige Voraussetzungen für die Inklusion – darunter die Barrierefreiheit, die personelle Ausstattung und ein zugedrücktes Auge, was die Altersbeschränkung betrifft. Denn oftmals sind Menschen mit geistiger Behinderung auf kindlichem Niveau, so dass die Altersbeschränkung der Kinderstadt auf sechs- bis zwölfjährige Kinder nicht zu ernst genommen werden darf. Bestes Beispiel – Cornelia. Sie ist keine Teilnehmerin der Kinderstadt, besucht diese aber oft. Mit ihren 60 Jahren, auch wenn sie bei Weitem nicht danach aussieht, tanzt, singt und spielt sie genauso wie alle anderen Kinder. “Die Kinderstadt macht mir sehr viel Spaß – und es tut meiner Psyche gut”, sagt sie. Michael Voss ergänzt, dass ein strukturierter Tagesablauf für die Psyche sehr wichtig sei.

Viele Jahre arbeitet Cornelia in den Caritas Werkstätten, bis sie irgendwann von heute auf morgen das Handtuch wirft. “Sie hatte keine Lust mehr und kündigte”, so Michael Voss. “Also trainierten wir das Busfahren, das Einkaufen etc., damit sie weitgehend alleine klarkommt.“ Cornelia hat eine eigene Wohnung im Haus, wo auch Michael Voss lebt, erhält zudem aber auch eine ambulante Unterstützung und besucht oft das Lebenshilfe Center. Sie fühlt sich wohl unter den Kindern, denen sie heute in der Kinderstadt begegnet. “Es ist Aufmunterung. Ich bin gern unter Kindern. Wir waren auch mal Kinder, das dürfen wir nicht vergessen!”, sagt sie.

Auch Jennifer ist bereits 18 Jahre alt – und seit 2015 jedes Jahr Woche für Woche mittendrin. “Der Ablauf ist anders – und außerdem tanze und singe ich gern”, so Jennifer. Begleitet von ihrer Betreuerin, Steffi, nimmt sie an jedem Workshop teil. Cricket, Singen, Tanzen, Trommeln und Kreatives Gestalten. Dass sie manchmal etwas eingeschränkt ist, stört sie nicht. Auf meine Frage, ob sie sich beim Tanzen auf der Wiese unwohl gefühlt habe, weil sie ihren Rollstuhl dort nicht so schwungvoll bewegen konnte, antwortet sie munter: “Nein, das stört mich nicht. Es gibt so viel hier, da macht es mir nichts aus, wenn ich nicht alles machen kann”. Kein Wunder, denn auch die Gruppenleiter/innen und Workshop-Leiter/innen unterstützen Jennifer, wo es nur geht. Nazrat, beispielsweise, schnappt sich beim Warmlaufen kurzerhand ihren Rollstuhl und schiebt sie mit Tempo durch die Sporthalle. “Er hat sich rührend um Jennifer gekümmert”, bestätigt ihre Betreuerin, Steffi.

Für Michael Voss bedeutet Inklusion Normalität. “Wenn die Kinder sehen, dass Jennifer beim Cricket spielen ohne Rollstuhl auf dem Boden rutscht, wundern sie sich zunächst, nehmen es aber dann hin”, sagt er. Es gilt, Berührungsängste abzubauen und auch geistig oder körperlich behinderte Menschen als normal zu betrachten – und genau das geschieht in der Kinderstadt Arnsberg.

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