Deutsch lernen und integrieren während des Lockdowns

Deutsch lernen und integrieren während des Lockdowns

Von Aufgaben, die auf dem Bürgersteig erklärt werden und außerschulischen Aktivitäten, die schlichtweg fehlen

Wenn wir in Erinnerungen schwelgen, fallen uns die schönsten DaZ-Momente der letzten fünf Jahre ein. DaZ bedeutet “Deutsch als Zweitsprache” und ist Inhalt unserer täglichen Arbeit – wir unterrichten seit Februar 2016 zugewanderte Kinder und Jugendliche. Doch während der Unterricht nachmittags endet, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, auch außerhalb der schulischen Themenfelder eine gewisse Stütze für die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien darzustellen. Als Ansprechpartner in verschiedensten Alltagsfragen und Co. da zu sein. Nachmittags, am Wochenende und auch in den Ferien.

Kein Wunder also, dass wir auch viele gemeinsame außerschulische Highlights zu unseren Erinnerungen zählen dürfen:
Wir gründeten eine internationale Trommelgruppe, traten mit unseren Djemben auf dem DIES und vielen weiteren Events auf. Ein riesiger Spaß – unsere Schüler/innen freuten sich immer auf diese abwechslungsreichen Gigs.
Wir besuchten die Tierschau der Hüstener Kirmes und heizten den Autoscootern auf der Kirmes richtig ein.
Wir aßen Eis oder Pizza, besuchten das Arnsberger Schloss.
Wir kochten gemeinsam kulinarisch vielfältige Rezepte während unserer Koch-AG.
Wir besuchten den Wochenmarkt, um dort die unterschiedlichen Gemüsearten und Obstsorten kennenzulernen
Wir verbrachten eine tolle Zeit auf der erstmals im Neheimer Zentrum aufgestellten Eislaufbahn.
Und wir fuhren sogar auf eine mehrtägige Klassenfahrt – in den Arnsberger Wald. Diese und viele weitere Aktivitäten förderten nicht nur das Deutschlernen, sondern auch das Wohlfühlen in dem ihnen anfangs fremden Land.

Unser DaZ-Unterricht in der Schule ist auf den individuellen Zugang eines jeden einzelnen Schülers bzw. einer jeden einzelnen Schülerin zur deutschen Sprache konzipiert – mit Bausteinen, die sich an dem sorgfältig ausgewählten Lehrwerk orientieren, einem individuellen Lerntempo und einer gezielten Einzelförderung unsererseits. Sehr groß war die Freude, auch unsererseits, als die ersten Schüler/innen, die wir seit 2016 unterrichteten, ihre Haupt- und Realschulabschlüsse (teils mit Q-Vermerk) in Empfang nahmen.

2019 – das Jahr, das uns zahlreiche Gänsehautmomente verschaffte, weil wir sahen, wie unsere DaZ-Schüler/innen, die nur wenige Jahre zuvor mit gar keinen oder wenigen Deutschkenntnissen zu uns kamen, erhobenen Hauptes in die weitere schulische Bildung und Berufsausbildung starteten.

Corona veränderte alles – für jeden

Das Jahr 2020 jedoch knallte uns mit voller Wucht einen Hammer vor den Kopf. Von heute auf morgen schlossen die Schulen im März. Drei Wochen vor den Osterferien. Übers Wochenende hinweg mussten wir uns eine Strategie überlegen, die es unseren DaZ-Schüler/innen ermöglichte, weiter Deutsch zu lernen und weiterhin die notwendige Unterstützung unsererseits zu erfahren.

Selbstverständlich merkten wir schnell, dass ein “Distanz-Unterricht” aufgrund der fehlenden digitalen Endgeräte nicht möglich war – schließlich besaßen viele unserer Schüler/innen lediglich ein Smartphone, nicht jedoch einen Laptop oder PC. Wir mussten also improvisieren. Während einige schlichtweg ihre Bausteine zu Hause weiter bearbeiteten und uns ihre Ergebnisse via Foto übermittelten, bekamen andere tagtäglich eine “digitale Übungsaufgabe”, kreiert via Google Formular – ohne Angabe der Nachnamen etc. Denn auch die datenschutzkonformen Regelungen mussten ja erst einmal gefunden werden. Jitsi ermöglichte es uns, zwischendurch auch mal “live” mit unseren Schüler/innen zu sprechen. Die digitalen Aufgaben konnten sie mit ihrem Smartphone bearbeiten. Die Möglichkeit, einem Schüler bzw. einer Schülerin einen Computer zur Verfügung zu stellen, gab es nur bedingt – einige Geräte wurden durch “Altgerätspenden” etwaiger Unternehmen zur Verfügung gestellt. Natürlich nicht flächendeckend.

Kurzerhand wurde alles heruntergefahren, jeglicher persönliche Kontakt. Kein Miteinander mehr. Wir versuchten, unseren Schüler/innen immer wieder die aktuellen Corona-Regeln, Infos und Nachrichten in verschiedensten Sprachen zu übermitteln, kommunizierten via Sprachnachrichten mit ihnen und fragten auch immer wieder nach ihrem Wohlbefinden. Stolz darauf, überhaupt mit allen Schüler/innen in Kontakt geblieben zu sein, starteten wir dann nach den Osterferien in das rollierende Schulsystem. Für unsere DaZ-Schüler/innen eine ebenfalls sehr schwierige Zeit, da wir (aufgrund der verbotenen Vermischung von Jahrgängen etc.) nur punktuell einen DaZ-Unterricht anbieten konnten. Sie saßen also im Deutschunterricht ihrer Klassenstufe und bearbeiteten die Aufgaben ihres DaZ-Unterrichts.

Eine turbulente Zeit – auch in Bezug auf die außerschulischen Aktivitäten, die selbstverständlich komplett zum Stillliegen kamen. Auch konnten wir die Familien nicht mehr besuchen – es wären schlichtweg zu viele persönliche Kontakte gewesen. Wir mussten uns also mit dem Zufriedengeben, was wir innerhalb des Schulgebäudes an Möglichkeiten bekamen. Ebenso nach den Sommerferien. Auch wenn das rollierende System aufgehoben und die Schüler/innen wieder tagtäglich in der Schule sein durften, mussten wir unseren Stundenplan nach Jahrgängen trennen. Der DaZ-Unterricht konnte also wieder nicht “wie vorher” durchgeführt werden. Aber wenigstens konnten wir unsere Schüler/innen wieder gezielter betreuen und unterrichten.

Auch das außerschulische Ferienprogramm “FIT in Deutsch” durfte sowohl in den Sommerferien als auch in den Herbstferien 2020 unter strengen Hygieneregeln stattfinden – eine willkommene Abwechslung im durch Corona doch nach wie vor recht tristen Alltag. Man merkte, dass den Teilnehmer/innen diese Abwechslung gut tat und sie sich auf diese Ferienfreizeit inkl. Intensivtraining freuten.

Der zweite Lockdown

Tagtäglich versorgten wir unsere Schüler/innen mit aktuellen Informationen zum Corona-Virus, insbesondere die steigenden Fallzahlen und den ebenso steigenden Inzidenzwert. Wir erklärten Begriffe, erläuterten Zusammenhänge und richteten unser Augenmerk immer wieder auf die aktuellen Corona-Regeln, insbesondere Kontaktbeschränkungen.

Mitte Dezember dann der nächste Schock: Die Präsenzpflicht in der Schule wurde ausgesetzt. Nur die Schüler/innen der Klassen 5, 6 und 7 konnten die Schule besuchen, ab Klasse 8 stand der Distanz-Unterricht auf dem Plan.

Wieder eine Mammutaufgabe – nicht nur für uns, sondern für alle Schulen, Lehrer/innen und Schüler/innen.

Voller Spannung saßen wir zu Hause vor den TV-Geräten, um die Diskussionen um den verschärften Lockdown zu verfolgen.
Mit zwiegespaltener Haltung: Denn einerseits konnten und können wir natürlich die Aspekte der Entscheidungen nachvollziehen, andererseits wussten wir, was diese Vorgehensweise für unsere Schüler/innen bedeutet.

Nun – einiges hat sich geändert. Mittlerweile existieren digitale Schulsysteme, wie Itslearning und Iserv, die wir für den digitalen Unterricht verwenden können. Die grundsätzlichen Problematiken der fehlenden Endgeräte, des erschwerten Deutschlernens und dem fehlenden persönlichen Kontakt blieben jedoch.

Seit dem 11. Januar unterrichten wir digital. Auch unsere DaZ-Schüler/innen müssen sich, teilweise weiterhin mit dem Smartphone, einige mittlerweile mit einem aus der Schule ausgeliehenen Laptop, tagtäglich ins digitale Schulsystem einloggen und am Online-Unterricht teilnehmen.

Jedoch haben wir uns eine eigene Strategie einfallen lassen:
Wir betreuen unsere Schüler/innen nach wie vor auch persönlich – bringen ihnen teilweise ihre Bausteine und Lernaufgaben nach Hause, erklären ihnen diese vor der Haustür auf dem Bürgersteig (Kontaktsperre) und stehen ihnen JEDERZEIT via Schul-Messenger und Co. zur Verfügung.
Wir versuchen unser Bestes, ihnen nach wie vor jede Frage zu beantworten – ob schulisch geprägt oder nicht. Es funktioniert jedoch nur mit einer erhöhten Einsatzbereitschaft unsererseits und natürlich auch dem Lernwillen der Schüler/innen.
Die täglichen digitalen Aufgaben stellen für die DaZ-Schüler/innen immer wieder kleine Erfolgserlebnisse dar. Zudem erhalten sie täglich einen Witz des Tages oder auch einen Zungenbrecher des Tages, um das Ganze etwas aufzulockern und dem Lerndruck, dem sie ausgesetzt sind, etwas Freude und Spaß entgegenzustellen.

Wir können von vielen schwierigen, jedoch auch positiven Erfahrungen berichten und sind guter Dinge, dass es auch zukünftig funktionieren wird – denn noch wissen wir ja nicht, was in den nächsten Wochen auf uns zukommen wird.
Dennoch merken wir: Die Schüler/innen fallen zurück – nicht unbedingt, was ihre Deutschkenntnisse angeht, sondern explizit, was ihre Integration angeht.

Schüler/innen brauchen ihr soziales Netzwerk

Fußball spielen im Verein, schwimmen gehen mit Freunden, Chillen in der Stadt, Treffen bei Freunden, Kennenlernen von Menschen, Feiern im “E”, Djemben spielen auf dem DIES, Eis oder Pizza essen gehen in der Gruppe – all dies und vieles mehr fiel weg. Von heute auf morgen! Das gesamte außerschulische soziale Leben fiel weg – und auch bis heute konnte sich dieses nicht wieder aufbauen. Denn alles liegt brach.

“Ich möchte endlich wieder Fußball spielen”, hören wir immer wieder. Oder auch: “Ich lerne zu Hause gut, aber ich will endlich wieder meine Freunde sehen!”
Ebenso: “Ich kann zu Hause nicht lernen, weil meine Geschwister immer da rum laufen”, sowie: “Wann dürfen wir endlich wieder in die Schule gehen?”

Wurde der erste Lockdown von vielen Schüler/innen noch als “verlängerte Osterferien” oder gar “Corona-Ferien” gefeiert, geht ihnen der zweite Lockdown doch mittlerweile sichtlich mehr auf die Nerven. Und genau so ergeht es natürlich auch unseren DaZ-Schüler/innen. Für sie stellt dieses “Distanz-Lernen” und der damit fehlende persönliche Kontakt zu Bezugspersonen (Freunde, Lehrer/innen, Verwandte) außerhalb der Kernfamilie jedoch eine schier unüberwindbare Hürde dar, die sie daran hindert, sich mit voller Konzentration dem Deutschlernen zu widmen und sich zu integrieren. Sie erhalten nicht mehr so viele Gelegenheiten, die deutsche Sprache auch wirklich anzuwenden. Und sie fühlen sich oftmals auch abgehängt, weil sie sich viele der online und digital erstellten Aufgaben in den vielen sprachlastigen Fächern wie GL, Chemie, Physik etc. nur schwer selbst im Homeschooling erschließen können. Oft trauen sie sich dann aus Scham nicht, ihre Fachlehrer anzuschreiben und ihnen entsprechende Fragen zu stellen.

Und so ergeht es sicherlich nicht nur unseren DaZ-Schüler/innen, sondern auch vielen Schüler/innen an anderen Arnsberger Schulen – wie auch Lehrern und Lehrerinnen.

Kurzum: Wir wissen um die Problematiken, die das Corona-Virus außerhalb der Gesundheit mit sich bringt. Deshalb engagieren wir uns umso mehr, um unseren DaZ-Schüler/innen in dieser für sie besonders schwierigen Zeit unterstützen und zur Seite stehen zu können. Mit all unseren Kräften, mit all unserem Humor und auch mit all unseren Möglichkeiten.