Was wäre wenn ich meine Worte verlöre?

Hinter den Kulissen der Reportage “Nur nicht Donnerstag, da spiele ich Schach!”

Worte sind mein Leben! Ich spiele mit ihnen. Setze sie in Szene. Nutze sie, um Menschen zu informieren, zu inspirieren und – ja, auch wachzurütteln! Denn das ist mein Job als freie Journalistin. Damit verdiene ich meine Brötchen. Doch jetzt, nachdem ich meine erste große Reportage geschrieben habe, sind mir die Worte wichtiger denn je!

Als Marita Gerwin, Fachstelle “Zukunft Alter” der Stadt Arnsberg, auf mich zukommt und fragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Reportage zum Thema “Demenz” zu schreiben, bin ich verwundert und erfreut zugleich. Darüber, dass sie gerade mich anspricht. Darüber, dass ich endlich die Chance habe, meine erste große Reportage zu schreiben. Natürlich lasse ich mir diese Chance nicht entgehen!

Unvoreingenommen zum ersten Treffen

Zusammen besuchen wir zum ersten Mal den 94-jährigen Walter Rupert in Arnsberg, der seine an Demenz erkrankte Ehefrau “Dorle” (86 Jahre) in den eigenen vier Wänden pflegt! Marita kennt das Paar bereits und stellt mich vor … diese weißgraue Strähne, die Walter immer wieder auf die Stirn rutscht, erinnert mich unwahrscheinlich an meinen Großvater. Ebenso der sympathische, aber irgendwie auch müde Blick.

Bereits beim Anblick seiner Dorle merke ich, dass es schwierig sein wird, die “professionelle Distanz” zur Geschichte zu wahren. Denn sie zeigt keine Regung – sitzt in ihrem Rollstuhl am Esszimmertisch, hält einen Igelball fest in der Hand und “starrt” in ihre ganz eigene Welt. Keine Mimik, nix! Als wir sie begrüßen, schaut sie uns zwar an, aber eine Reaktion ihrerseits folgt nicht – als schaue sie durch uns hindurch! Was Walter uns im Folgenden erzählt berührt. Macht nachdenklich. Schockt auch irgendwie! Es kann mir echt keiner erzählen, dass er bei dieser Lebensgeschichte “locker” bleibt! Also schäme ich mich auch nicht für meine Gänsehaut, die sich immer wieder aufs Neue blicken lässt …

Während wir uns unterhalten und Walter wirklich herzergreifend, aber auch fröhlich und sortiert aus seiner Vergangenheit, die seiner Frau und die Krankheit “Alzheimer-Demenz” erzählt, sitzt seine Frau weiter am Esstisch. Die Haushälterin, die dem Paar zur Seite steht, reicht Dorle das Essen – Häppchen für Häppchen. Und ehrlich gesagt gehen auch die beunruhigenden Schluckgeräusche nicht an uns vorbei! Doch Walter beruhigt uns: “Das ist normal. Ist nicht schlimm. Alles in Ordnung!”

Es ist schon ein komisches Gefühl, denn ich habe zuvor noch NIE neben einer demenzerkrankten Frau gesessen und “einen Teil ihres Alltags” live miterlebt.

Gedanken, Ängste und Nöte

Ein zweites Mal besuche ich Walter – diesmal ist er alleine im Haus. Seine Frau liegt zum 40. Mal im Krankenhaus, seine Haushälterin ist bei ihr. “Sie kann ja nicht alleine essen. Meine Haushälterin ist gerade da und reicht ihr das Essen. Das können die Krankenschwestern zeitlich nicht stemmen – denn das kann schonmal bis zu einer Stunde dauern”, erklärt Walter mir.

Was er mir bei diesem Treffen erzählt, hält mich noch den gesamten Tag über auf Trab! Seit mehr als sieben Jahren hat er zum Beispiel keine Unterhaltung mehr mit Dorle geführt. Und auch vorher war dies kaum noch möglich, denn Dorle verlor nach und nach aufgrund der Alzheimer-Demenz ihre Worte! Natürlich redet er mit ihr – aber er erhält keine Antwort. Keine Reaktion. Kriegt sie überhaupt mit, dass wir gerade über sie sprechen?

Wie schwer muss es sein, mit dem Menschen, den man liebt, keine normale Unterhaltung mehr führen zu können? Und wie schwer muss es erst für Dorle sein, sich nicht mehr artikulieren zu können? Nicht einmal mehr Gefühle oder Empfindungen signalisieren zu können! Merkt sie das überhaupt? Würde sie gerne mal was sagen oder ein Zeichen setzen?

Ich bin sprachlos! Und langsam macht sich auch die Nervosität bemerkbar – schließlich soll ich über genau dieses Leben eine Reportage schreiben … wie bringe ich das bloß rüber?

Reportage veröffentlicht – und dann?

Aber – geschafft! Mittlerweile ist die Reportage geschrieben und veröffentlicht. Es folgen – Gedanken!

Was wäre wenn ich meine Worte verlöre? Zwar habe ich schon einmal darüber nachgedacht, wie es wohl sein wird, wenn ich mal älter bin. Wie lange ich wohl arbeite. Bisher habe ich immer gesagt: Solange mein Kopf funktioniert, werde ich auch mit den Worten spielen!

Doch was, wenn mir die Worte verloren gehen? Wenn ich nach und nach nicht mehr weiß, was ich tue? Bin ich zu jung, um mir darüber Gedanken zu machen? Jetzt sage ich: NEIN!

Jeder sollte einmal darüber nachdenken! Sollte sich absichern, nicht nur finanziell, sondern auch menschlich. Denn wer möchte schon “allein in seinen vier Wänden” – womöglich mit einer Demenz – alt werden und nur zwei Mal am Tag Besuch von einem Pflegedienst bekommen?

Die Reportage “Nur nicht Donnerstag, da spiele ich Schach!” ist ungeschminkt, authentisch und hoffnungsfroh – sie zeigt, dass ein Leben mit Demenz kein Leben in Einsamkeit bedeuten muss. Sie rüttelt wach, informiert und macht Mut. Sie spiegelt das wider, was in der Gesellschaft (noch) nicht gesehen wird: Den Menschen hinter der Zahl!

Tauche auch du in eine Geschichte ein, wie sie nur das Leben schreiben kann … (Einfach auf das Bild klicken!)

 

5 Kommentare

  1. Der Artikel ist sehr berrührend und zeigt doch was Liebe alles vermag. Der Gedanke vor ihr gehen zu müssen, wird ihn stark belasten, aber hat er ihm nicht auch die Kraft und den Willen gegeben so alt zu werden? Er weiß sich selbst zu schützen durch die erwähnten Freizeitaktivitäten und hilft ihm Kraft weiterhin zu haben für diese schwere Aufgabe.

  2. Demenz ist eine Krankheit. die einsam macht – die Betroffenen und ihre Angehörigen. Wir möchten, dass Menschen mit Demenz und ihre Familien am öffentlichen Leben teilhaben. So steigt die Lebensqiualität für uns alle.

    Wir nehmen Dorle in unsere Mitte. Zeigen ihr „Du gehörst dazu und bist mit allen Schwächen und Gebrechlichkeiten, aber auch Erfahrungen und Talenten wichtig“, auch wenn Dir die Gedanken und Worte verloren gegangen sind. Eine Gesellschaft lässt sich daran messen, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Menschen vergessehn, was Du gesagt und getan hast. Sie vergessen aber nicht, wie sie sich dabei gefühlt haben.

    Danke an Thora Meissner für diese eindrucksvolle Reportage!

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