Zuhören. Verstehen!

Aleppo, Damaskus, Homs – einst prächtige Städte. Ihre Sehenswürdigkeiten zogen 2010 über 9 Millionen Touristen in die märchenhafte Sphäre. Doch in nur kurzer Zeit liegen sie in Schutt und Asche. Syrien, die Perle des Orients – nicht wiedererkennbar. Trümmer. Grau in Grau. Und zwischen ihnen einzelne Gesichter, die hoffnungsloser nicht ausschauen könnten. Ein Kind, dessen Angst in den Augen zu sehen ist. Ein verzweifelter Mann, der sich in den Ruinen sitzend den Kopf hält.
Mit diesen Bildern ebnen Abdulrazzak Shaker und sein Bruder Omar Shaker (Wintergarten) den emotionalen Einstieg in das “Fest der Begegnung” im Kaiserhaus Neheim.

Der Kaisersaal ist prall gefüllt. Viele Menschen von nah und fern sind heute gekommen, um interkulturelle, soziale Kontakte zu knüpfen. Sich zu informieren. Vor allem aber, um zu verstehen! Niemand wagt auch nur einen Mucks, während Omar Shaker seine Geschichte erzählt. Betroffene Blicke, gesenkte Gesichter und das ein oder andere beschämte Spiel mit dem Ärmel zeigen, wie nah den Menschen dieses Schicksal geht.
Und es ist nur eines von vielen.

Zuhören!

“Es war immer schon einer meiner Träume, in Damaskus zur Universität zu gehen und dort zu studieren. Jeden Tag beobachtete ich die Studenten – wie einige von ihnen nach Hause gingen und andere zu weiteren Vorlesungen. Wieder andere in Cafés saßen. Liebespaare, die die Straße entlang spazierten. Es sah wirklich lustig aus, wie die Studenten liefen, um den heranfahrenden Bus zu bekommen. Herrliche Zeiten!”, erzählt Omar Shaker. Ich sehe sie vor mir – wie sie lachend ihren Tee trinken. Verliebt die Straße hinauf schlendern. Auf der Wiese sitzend in Büchern blättern. Doch im nächsten Moment – eine graue Wolke. “Der Krieg begann und alles änderte sich. Alles wurde schlimm. Wenn wir weinten, wurde unser Weinen verstärkt. Wenn wir litten, bohrte sich der Schmerz noch tiefer in uns hinein. (…) Glück war wirklich selten – stattdessen Traurigkeit, die uns Tag für Tag begleitete, sich entwickelte und größer wurde.”

Bilder, die schockieren. Zeilen, die sprachlos machen. Worte, die Bürgermeister Ralf Paul Bittner dazu bringen, spontan aufzustehen und die beiden Brüder zu umarmen! Betroffen. Mitfühlend. Herzlich!

Kreatives Rahmenprogramm für Jung und Alt

Schon zur Begrüßung hatte er auf die Wichtigkeit hingewiesen, Empathie zu entwickeln. “Heute wollen wir das Weiterkommen fördern und durch interkulturelle Begegnung das Gefühl der Fremdheit überwinden. Hier ist sicherlich auch das Gedankenexperiment zum Ende dieser Veranstaltung sehr hilfreich. (…) Was bedeutet es für ein Kind, in einer fremden Kultur aufwachsen zu müssen? Was bedeutet es für ein Kind, innerhalb kürzester Zeit eine neue, schwierige Sprache lernen zu müssen? Was bedeutet es für ein Kind, unter tausenden Asylsuchenden nicht zu wissen, wie die eigene Zukunft aussehen wird? Alles Fragen, die sehr schwierig (…) sind, aber die wir uns stellen und verinnerlichen müssen”, so Ralf Paul Bittner.

Im nächsten Moment steht der albanische Tanz auf dem Programm. Die Stimmung hebt sich. Umschalten? Eher schwierig. Die Tanzschritte, die ich einzufangen versuche, soll ich erst später bei der Sichtung des Videomaterials realisieren. Es folgt die Neheimer Quadrille mit traditionellen Tänzen.

Kinder, die mit ihren Eltern das “Fest der Begegnung” besuchen, nutzen indes die Betreuungsangebote des KiJu, des Ursula-Gymnasiums und der Kindertageseinrichtung St. Elisabeth: Basteln, Jutebeutel bedrucken, Button, Trommeln, Großspielgeräte und Popcorn.

Nach und nach sammeln sich die Gäste in den Workshops – angefangen mit Informationen der Ausländerbehörde der Stadtverwaltung über die derzeitige Situation der geflohenen Menschen in Arnsberg. Gemeinsames Singen, Lieder als Spiegel der Zeit, Malen nach Musik, Tanzen für Mädchen, Neheimer Quadrille tanzen, Christen in Syrien, Heimat Afghanistan, Quiz der Nationen, Erfahrungen mit Internationalen Klassen, Anti-Rassismus-AG und Flüchtlinge in Arbeit. Letzterer zieht viele Interessierte und offene Fragen an. Sie alle video- und fotografisch festzuhalten – keine Chance. Mit den Inhalten dieser rund 45 Minuten hätte ein ganzer Seminartag gefüllt werden können.

Internationale, kulinarische Gerichte und die musikalische Untermalung durch den Posaunenchor sowie eine internationale Band lassen die Gedanken noch einmal aufatmen, bevor es zum Vortrag über die Arbeit von SEA-EYE im Mittelmeer geht.

“Unsere Maxime: Einer! Solange wir einen Menschen retten, lohnt sich der Einsatz”

Sebastian Frings-Neß ist heute extra aus Bonn angereist, um über den Verein SEA-EYE zu sprechen. Der auf Verkehrsrecht spezialisierte Rechtsanwalt hat den ehrenamtlichen Einsatz auf dem Meer zu seiner persönlichen Herzensangelegenheit gemacht. Er berichtet, als sei es das Normalste der Welt, auf See in Not geratene Menschen zu retten. Dennoch berühren seine Worte.

“Die Flüchtlinge sitzen zusammengepfercht in den Booten – zu den schlimmsten Bildern gehören jedoch die Verätzungen der Menschen auf der Haut. Das Gemisch aus Urin, Diesel und Salzwasser, das sich in den Booten ansammelt, ist höchst ätzend!”, erzählt Sebastian Frings-Neß. “Kleinkinder verkraften diese gefährlichen Überfahrten oft erstaunlich gut. Meist sind es die Eltern, die kollabieren und am Boden zerstört sind!”

Der gemeinnützige Sea-Eye e.V. wurde im Herbst 2015 von Michael Buschheuer und Freunden gegründet – mittlerweile mit rund 250 Mitgliedern und 1000 Aktivisten deutschlandweit. Nach wie vor ist die Sea-Eye auf dem Mittelmeer aktiv – daher werden auch immer wieder Menschen gesucht, die helfen. Durch Spenden, durch Öffentlichkeitsarbeit oder durch den direkten Einsatz auf See. “Wir haben im Moment Probleme, Kapitäne, Mediziner und Maschinisten zu finden – das hat oft mehrere Gründe”, erklärt Sebastian Frings-Neß. “Diejenigen, die in den letzten zwei Jahren dabei waren, bekommen früher oder später erstens Ärger mit ihrem Arbeitgeber, zweitens aber auch mit ihren Familien – wenn der gesamte Jahresurlaub für die Sea-Eye draufgeht. Die Lage im Mittelmeer ist zudem sehr angespannt – d.h. Einsätze sind nicht ganz ungefährlich. Letztlich trägt aber auch die Tatsache dazu bei, dass aktuell weniger Menschen über das Mittelmeer zu flüchten versuchen. Da heißt es dann schnell – naja, wenn es nicht so viele sind!? Unsere Maxime jedoch lautet: Einer! Solange wir einen Menschen retten, lohnt sich der Einsatz!”

Während seines Vortrags zeigt er neben verschriftlichten Fakten immer wieder Bilder von der See – von den Menschen, die die Sea-Eye gerettet hat. Direkte Rettungen sind eher die Ausnahme, da das alte Boot mit 10 Crew-Mitgliedern bereits voll ist. Im Normalfall melden sie und versorgen die Menschen in den Schlauchbooten, bis die Seenotretter mit ihren großen Schiffen vor Ort sind.

Krieg – wohin würdest du gehen?

Plötzlich steht eine der Darstellerinnen direkt vor mir und spricht mit energischer Stimme zu mir. Schon am Ende der Ansage habe ich nicht mehr auf dem Schirm, was sie anfangs gesagt hat. Beschämt, dass sie gerade mich anspricht, bin ich nicht – eher benommen. Überraschungsmoment. Gewollt! Denn die Gruppe, bestehend aus jungen Erwachsenen aus Balve, Sundern und Langhausen, hat sich ein ganz besonderes Gedankenexperiment nach einem Essay von Janne Teller ausgedacht.

Die szenische Lesung mit Musik, Tanz und Theater dreht unsere Welt auf links. Die westlichen Demokratien sind gescheitert und faschistische Diktaturen haben die Macht übernommen. Uns bleibt nur die Flucht – in den Orient, nach Ägypten.

Wie ist es, als Flüchtling in einer fremden Welt zu leben? Mit tausenden Menschen verschiedenster Herkunft in einer Sammelunterkunft? Formalitäten in einer schwierigen Sprache meistern zu müssen? Fragen, die durch verschiedenste künstlerisch dargestellte Szenen auf wachrüttelnde und teils auch provokative Art und Weise beantwortet werden: Mit Mühe, mit Not – und nicht selten ohne Perspektive.

(Das Video ist öffentlich auf Facebook – für jedermann sichtbar, auch wenn du nicht bei Facebook registriert bist.)

Erstveröffentlichung: Förderverein Wendepunkt e.V. - Fest der Begegnung im Kaiserhaus Neheim

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